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Düsseldorf
Jean Tinguely ist 2016 die Kunstattraktion

Düsseldorf: Jean Tinguely ist 2016 die Kunstattraktion
Bewegte und bewegende Kunst: Jean Tinguelys "Große Meta-Maxi-Maxi-Utopia" ist ab April in Düsseldorf zu sehen. FOTO: Christian Baur/VG Bild Kunst, Bonn 2016
Düsseldorf. Der Meister der Kinetik adelt das Ausstellungsprogramm im Museum Kunstpalast. Gute Besucherzahlen bei etwas weniger Geld. Von Annette Bosetti

Nicht nur die Ausstellung mit Wim Wenders boomte und trieb mit 65.000 Besuchern die Zahlen im Museum Kunstpalast im Jahr 2015 auf rund 200.000 hoch. Auch ein ganz abseitiges Thema entwickelte sich zum Erfolgsmodell: Die Veranstaltungsreihe "Kunst mit Baby" stieß auf so große Resonanz, dass man sogleich die Zahl dieser Führungen, bei denen gequengelt und gestillt werden darf, verdoppelt hat. Zufriedenheit auf allen Seiten, diesen Eindruck nimmt man mit, wenn man die Bilanz in dem einen der zwei Leuchtturm-Museen Düsseldorfs hört und gleichzeitig auf die Vorschau der Ausstellungen blickt.

Bis 2018, scheint's, ist das Haus gut bestellt. Was dann kommt, steht noch in den Sternen. Über die Nachfolge des Ende September 2017 nach Verlängerung scheidenden Generaldirektors Beat Wismer entscheidet eine Findungskommission, die Kulturdezernent Hans-Georg Lohe anführt. Da echte Fachleute zunächst fehlten, ist sie recht holprig an den Start gegangen.

Ob der aus Düsseldorf im vergangenen Dezember weggezogene Energiekonzern Eon dem Museum weiterhin treu bleibt und auch über 2017 hinaus Jahresmittel in Höhe von 750.000 Euro leisten wird, ist noch ungewiss. Sehr wahrscheinlich ist das nicht. Der Handelskonzern Metro hat von seinen festen Zusagen zum Jahresende Abstand genommen, was nicht heißt, dass er nicht künftig noch einmal bei einer Ausstellung als Sponsor einspringen kann.

Dagegen steht das Engagement zahlreicher Stiftungen und Geldinstitute, die 2016 verschiedene Ausstellungen unterstützen, darunter die HSBC Trinkaus & Burkhardt AG, die Sparkassen Kulturstiftung Rheinland, die Kunst- und Kulturstiftung der Stadtsparkasse Düsseldorf, die Kunststiftung NRW, die Prof. Otto Beisheim Stiftung, die Stiftung der Sparda-Bank West und die Stiftung Pro Helvetia. Ohne das Engagement der Stifter könnte das Haus mit seinen in diesem Jahr um 200.000 Euro auf sieben Millionen geschrumpften städtischen Mitteln keine großen Sprünge machen.

Naturgemäß seien im vergangenen Jahr die Einnahmen mit den Besucherzahlen gestiegen. Insgesamt stehe man finanziell ganz gut da, sagt der über die Finanzen wachende Harry Schmitz. Von dem Unheil mit dem undichten Dach im Sammlungsflügel wusste er nicht wirklich Neues zu berichten - nur so viel, dass die Stadt jetzt den Schadensfall mit einer Strategie der "kleinen" Lösung angehen wolle. Sie plane die Reparaturen, dann würden die Aufträge vergeben und schließlich die Sanierungsarbeiten erledigt. Wann das alles umgesetzt ist und der Sammlungsflügel wieder in voller Pracht frei zugänglich ist, das konnte Schmitz nicht sagen. Immerhin hatten trotzdem 80.000 Menschen im vergangenen Jahr den Trakt des Museums besucht, in dem nur noch Teile der Sammlung zu sehen sind. Darüber freut sich besonders Museumsdirektor Wismer, dem der geschlossene Flügel über Jahre sein Konzept für den Ehrenhof durcheinanderbrachte und dem das mehr als ein Dorn im Auge ist.

Wismers jüngstes Ausstellungsprogramm, das gestern neben dem Zahlenwerk vorgestellt wurde, macht neugierig aufs Museum. Der Schweizer geht wie immer auf die Menschen zu, mixt die Genres in den Spot-On-Räumen, stellt Alt neben Neu und erfindet ebenso prächtige wie gewichtige Bühnen für die Kunst. Facebook und neuerdings auch Instagram sind wichtige Kanäle der Kommunikation, die Klickzahlen zeigen das. Veranstaltungsreihen extra für junge und ganz kleine Leute sorgen dafür, dass der Museumsbesucher nicht überaltert oder gar ausstirbt.

Mit Jean Tinguelys Retrospektive, einer der zwei großen Ausstellungen 2016, ist der Meister der Kinetik am Ehrenhof zu sehen. Die frühen zarten Drahtplastiken des 1991 gestorbenen Schweizers, seine kinetischen Objekte und die spielerisch-absurden Maschinenplastiken werden in ihrer Lebendigkeit das Publikum in einen anregenden Diskurs verwickeln. Schon jetzt hat eine Düsseldorfer Grundschule all ihre Klassen zum pädagogischen Programm angemeldet. Dabei werden in dem neuen Mitmach-Atelier von Kindern Spielzeuge zu Malmaschinen umgebaut, die sich über Fernbedienungen oder Tablets steuern lassen. Das Sponsoring der Commerzbank Stiftung ermöglicht bedürftigen Menschen die Teilhabe am kulturellen Leben und verschenkt 50 Freiführungen.

Frei nach Tinguelys Kernsatz "Es bewegt sich alles, Stillstand gibt es nicht" gibt Wismer das Jahresmotto vor. Die zweite Schau mit weitreichender Strahlkraft heißt "Vorhang auf! Verhüllung und Enthüllung seit der Renaissance". Sie wird sich in die Reihe der Publikumserfolge fügen - nach El Greco und Francisco de Zurbarán, der noch bis Ende Januar zu sehen ist. Neben Claudia Blümle kuratiert der Generaldirektor, der Werke aus international bedeutenden Museen zusammengezogen hat und von der Malerei der Renaissance bis in die Neuzeit führt. Den Coup landet wohl Verhüllungskünstler Christo. In den 1960er Jahren hatte er vor der Galerie Schmela einen VW-Käfer verpackt - eine Rekonstruktion dieser legendären Arbeit wird irgendwo im Kopf assoziativ zusammengebracht werden mit Tizians Meisterwerk, dem Porträt des Kardinals Filippo.

Quelle: RP
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