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Düsseldorf
Kinder erleben Flucht im Theater

Düsseldorf: Kinder erleben Flucht im Theater
Die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltof. FOTO: Junges Schauspielhaus
Düsseldorf. Liesbeth Coltof macht das Publikum am Jungen Schauspielhaus auf eindringliche Weise zum Teil des Geschehens. Ein Probenbesuch. Von Dorothee Krings

Naz muss rennen. Die Wölfe sind hinter ihm her, hell glühen ihre Taschenlampen-Augen in der Nacht - oder sind das die Suchscheinwerfer von Grenzsoldaten? Bernhard Schmidt-Hackenberg stürmt die Stufen einer Eisen-Brücke hinauf, oben pfeift der Wind, er drückt seinen Koffer an sich, das einzige, was ihm mitgegeben wurde für die Flucht.

In unpathetischer Sprache erzählt der britische Dramatiker Mike Kenny in "Der Junge mit dem Koffer" von einem Heranwachsenden, der plötzlich von seinen Eltern losgeschickt wird. Er soll es bis nach England schaffen, eine bessere Zukunft haben, doch die Vorsorge der Eltern reicht nicht weit. So muss Naz viele gefährliche Momente überstehen. Doch er hat ein Mittel, um seine grausame Gegenwart zu überstehen: Er denkt an Sindbad, den Seefahrer, blendet dessen Abenteuer über die eigenen Erlebnisse, macht aus seiner Flucht eine Reise.

Die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltof bringt diese Geschichte nun im Jungen Schauspielhaus auf die Bühne. Vielmehr: Sie trägt die Geschichte ins Publikum, denn die Zuschauer sitzen nicht mit sicherem Abstand zum Geschehen in ihren Reihen, sie hocken auf Koffern, die auf dem Boden verteilt sind. Die Flucht spielt sich in ihrer Mitte ab, ganz nah.

Schon vor eineinhalb Jahren hat der Leiter des Jungen Schauspielhauses, Christof Seeger-Zurmühlen seine niederländische Kollegin eingeladen, Kennys Stück in Düsseldorf zu inszenieren. Das Thema Flucht schien noch fern, also entwickelte Coltof mit ihrem Team ein klassisches Bühnenbild - hier die Zuschauer, dort das Spiel. "Damals ereigneten sich Krieg und Flucht weit weg", sagt Liesbeth Coltof, "wir waren Beobachter, hatten Mitleid, aber das alles erschien uns fern. Das ist nun anders: Die Flüchtlinge sind hier, wir müssen uns zu ihnen verhalten. Manche tun das positiv, andere negativ, aber Zuschauer ist niemand mehr."

Das hatte künstlerische Konsequenzen. Coltof verwarf alle Pläne, entwickelte ein Konzept, bei dem das Publikum Teil der Inszenierung wird, sich nicht mehr zurückziehen kann auf die Position des distanzierten Betrachters, sondern sich den Raum mit den Darstellern teilen muss. Der ist zudem eingefasst von einem Drahtzaun, die freie Welt liegt jenseits des Gitters. "Das ist unbequem", sagt Coltof, "obwohl wir die Koffer schon ein wenig gepolstert haben, aber man kann so eine Geschichte im Moment nicht mit Abstand inszenieren."

Sie unterbricht. Naz versucht gerade seine Gefährtin Krysia zum Fortlaufen zu bewegen, doch das Mädchen hat Angst vor den Wölfen. Julia Goldberg steht ganz starr, atmet schnell, Schmidt-Hackenberg nimmt sie an der Hand, beginnt von Sindbad zu erzählen. "Du musst sie mit deinen Worten locken, erst durch die Geschichte kann sie sich wieder bewegen", sagt Coltof und deutet an, wie Schmidt-Hackenberg die Widerstände sanft überwinden soll. Es wird wieder dunkel im Saal, die Schauspieler spielen die Szene erneut.

Coltof ist 61 Jahre alt. Sie leitet seit Jahren das Jugendtheater "Toneelmakerij" in Amsterdam und inszeniert regelmäßig als Gast am Theater Dortmund. Die Arbeit an Stoffen für Kinder und Jugendliche schärfe ihren Blick auch für die erwachsenen Stücke, sagt sie. "Für junges Publikum zu inszenieren, zwingt einen zu Klarheit und verbietet einem jeden Zynismus", so Coltof. Dass sie mit einer Flüchtlingsgeschichte im Theater in Konkurrenz tritt zu den vielen Fernsehbildern von Flüchtlingen, hält sie nicht für problematisch. "Das Fernsehen zeigt nur ein äußeres Bild", sagt sie, "es setzt nicht in Beziehung, erzählt nicht die Geschichten der Menschen, es ist nur scheinbar die Realität." Darum erzeugten die TV-Berichte oft auch ein Gefühl der Ohnmacht, der Betrachter fühle sich nicht verbunden, habe das Gefühl, ohnehin nichts ausrichten zu können. "Das Theater kann viel mehr, weil es Beziehungen herstellt und den Menschen ihre Geschichten lässt", sagt Coltof. Schon seit 18 Jahren reist sie jedes Jahr zweimal in den Gaza-Streifen, arbeitet in den Flüchtlingslagern dort in Theaterprojekten mit. "Ich habe dort Kinder aufwachsen sehen", sagt Coltof, "ich kenne die Aussichtslosigkeit, mit der sie leben müssen, davon muss das Theater in diesen Zeiten erzählen."

Quelle: RP
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