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Düsseldorf
Klassik zum Gucken und Liken

Düsseldorf: Klassik zum Gucken und Liken
Valentino Worlitzsch spielt Cello - und die Bildregie sorgt dafür, dass man auch vom Rang der Tonhalle aus seine Finger auf dem Griffbrett bestaunen kann. FOTO: Susanne Diesner/Tonhalle
Düsseldorf. Mit den Ignition-Konzerten erreicht die Tonhalle ein jugendliches Publikum. Trotzdem spielen die Düsseldorfer Symphoniker im Frack. Von Armin Kaumanns

Yuma hat sich fein gemacht. Dunkelblauer Anzug, weißes Hemd, Fliege. Der Knabe ist zehn, der Kleinste im Kreis seiner Schulkameraden in Turnschuhen, Jeans und Sweatshirts, wie sie da zusammen durch die Rotunde unterm Sternensaal der Tonhalle flitzen. Es geht über die Beine von Eltern, die ihre jugendlichen Sprösslinge im Schlepp haben; durch Gruppen von schwer pubertierenden Mädchen, die an ihren Smartphones hängen. Bewegungsdrang. Im Foyer flanieren Studenten, Lehrerinnen, etliche Paare im Eltern-, einige im Großelternalter, massenweise junge Leute. "Kinder", sagt wenig später von der großen Bühne ein immerhin 26-jähriger Singer-Songwriter, der bei Youtube und Facebook AberAndre heißt und einer der Stars dieses Abends wird. Es ist eigentlich ein Klassik-Konzert für die Teenager-Generation. Bei "Ignition" ist vieles anders.

Ignition heißt (Raketen-)Zündung. Das passt einerseits zur Marke Tonhalle, die sich ja zu Sternen und anderen fernen Welten aufmacht; andererseits soll hier beim jungen Publikum so etwas wie ein Funke überspringen für die Begeisterung für klassische Musik. Offensichtlich geht das mit der althergebrachten Konzert-Anordnung nicht mehr. Es scheint schwer vorstellbar, dass junge Leute still in einem Konzertsaal sitzen können, während auf der Bühne ziemlich langweilige Leute in schwarzen Anzügen stundenlang uralte Musik spielen. Deshalb hat sich das Tonhalle-Team um Intendant Michael Becker das neue Format ausgedacht und entwickelt.

Diese Folge hieß "The way to become liked". Das versteht auch Yuma, schließlich ist er bei Facebook. Und da weiß er, wer ganz viele Likes hat, ist berühmt. Das braucht ihm die Hanna (Dost) gar nicht groß zu erzählen, wie sie da schlank und keck vor die klassisch dasitzenden Musiker und dem klassisch dastehenden Dirigenten Jesko Sirvend auf die Bühne stöckelt. Hanna spricht ins Mikrofon, ihr Gesicht erscheint hinter ihr auf einer riesigen Breitwand-Leinwand, die sich quer übers Orchester spannt. Die Bilder kommen live von den Kameras im Saal, die Clips werden von einem großen Regiepult im Parkett gesteuert. In der Kuppel rotieren Licht-Spiele, über der Rampe blenden Scheinwerfer von Rot zu Blau zu Grün. Der Wahnsinn.

Rumms, da geht auch schon das Orchester los. Einer von Brahms' Ungarischen Tänzen, mit allem, was dazugehört. Geigen, Hörner, Pauken. Darüber Bilder vom Ballett, rasant überblendet mit der Hand des Dirigenten, dem Mund der Oboistin und so weiter. Johlen mit Applaus. Fünf-Minuten-Häppchen Dvořák, Bach, Stokowski, Ausschnitte aus Strauss "Don Quixote", die "Star Wars"-Hymne von John Williams. Alles auf der Leinwand grandios in Bilder übersetzt. All die Komponisten wollten geliked sein, nach Ruhm strebten sie wie die Stars von morgen, die hier auf die Bühne kommen: Jannik Brunke, eine süße Youtube-Einmannband mit mehr als 80.000 Abonnenten; oder der Sänger AberAndre. Auch Valentino Worlitzsch sieht so "geil" aus wie sein mitreißendes Cellospiel, findet Moderatorin Hanna. Zu dritt jammen sie Lindenbergs Cello-Song und geben in der Pause Autogramme nebst Selfies im Foyer. Auch Yuma trägt eins nach Hause und hat jetzt ein paar Freunde mehr. Auf Facebook.

Quelle: RP
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