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Düsseldorf
"Königsallee" in Düsseldorf entzaubert

Düsseldorf: "Königsallee" in Düsseldorf entzaubert
In der Premiere von "Königsallee" (von links): Reinhart Firchow als Thomas Mann, Tanja von Oertzen als Katia Mann und Karin Pfammatter als Journalistin. FOTO: Sebastian Hoppe
Düsseldorf. Die Uraufführung des interessanten Romanstoffs von Hans Pleschinski leidet unter der Überbetonung durch musikalischen Firlefanz. Zum Spielzeitauftakt in Düsseldorf gab es nur mäßigen Applaus. Von Annette Bosetti

Der Stoff ist dazu angetan: Es hätte ein großer Theaterabend werden können. Thomas Manns Besuch 1954 in Düsseldorf, 21 Jahre nach seiner Emigration aus Nazi-Deutschland, ist verbürgt. Hans Pleschinski hat ihn in seinem Roman "Königsallee" verarbeitet, der vor zwei Jahren erschienen ist. 388 Seiten schenkte er den Lesern und stieß, wenn auch nicht auf einhellige, so doch auf recht große Begeisterung. Pleschinski hatte der Geschichtsschreibung noch eins draufgesetzt und die neuerliche Begegnung zwischen Mann und der großen Liebe seines Lebens, Klaus Heuser, fiktional ergänzt.

So bekommt die legendäre Reise der Manns nach Düsseldorf neben der politischen auch eine zutiefst menschliche Dimension. Die Tagebücher des Homoerotikers, der als literarisches Leuchtfeuer einer ganzen Epoche gilt, durften erst 20 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1955 veröffentlicht werden. Sie enthüllten das wahre Ausmaß seiner Jünglingsliebe und das Leiden daran, das er literarisch brillant verarbeitete.

Sich diesem Düsseldorf-Stoff über Thomas Mann zu nähern, bedeutet, sich großen Fragen zu stellen, den Fragen nach gesellschaftspolitischer Befindlichkeit in der Adenauer-Ära, nach Abrechnung mit immer noch nazigetränktem Gedankengut, nach dem Psychoterror von Familienkonstellationen und nach verbotener Männerliebe. Aus dem Roman hat Ilja Richter eine Bühnenfassung erarbeitet. Diese hat das Regieteam Wolfgang Engel und Oliver Held zur Düsseldorfer Fassung verknappt. Fast kommt es einem wie eine trivialisierende Demontage vor. Am Ende von knapp zwei Stunden ohne Pause macht sich ein Gefühl der Ernüchterung breit. Der Applaus ist mäßig, für Düsseldorfer Verhältnisse gelangweilt.

Schwarz-grau ist die nahezu ständig rotierende Bühne von Olaf Altmann. Quader formieren sich in der Tiefe wie beim Berliner Holocaust-Mahnmal. Das schwarze Attribut, das sich Deutschland unrühmlich erworben hat, grundiert die Inszenierung. Doch die beste Idee entwertet der schwächste Regie-Einfall. Ein Conférencier erscheint und stimmt das Lied vom Wirtschaftswunder an. Diese erfundene Figur (Martin Reik) wird immer wieder auftreten, auch ein paar Worte sagen, von Düsseldorf im Jahr 1954 berichten. Meist aber ist Reik zu laut, übermächtig. Zu viel Platz nimmt der röhrende Conférencier ein, verstellt den Blick und betäubt die Ohren für die leisen Töne.

Das zweite Ärgernis lässt nicht lange auf sich warten. Zu ausführlich und ausdauernd knutschend begegnet dem Publikum ein Männerpaar. Der Deutsche - das ahnt der, der den Roman kennt- ist jener Klaus Heuser, dem Thomas Mann in den 1920er Jahren auf Sylt verfallen war, der in "Joseph und seine Brüder" oder auch in "Felix Krull" verewigt ist. Der andere, im Roman indischer Abstammung, ist dessen Freund Anwar, in Düsseldorf ein sich als Knallcharge gebärdender Asiate (Yung Ngo). Diese platte Illustrierung von Männerliebe hat wenig damit zu tun, was Thomas Mann im Innersten bewegt haben muss. Das Vordergründige zerstört jede Fantasie und Illusion.

Anders als in der Chronologie des Romans werden die Szenen montiert. Früh rollt Familie Mann aus dem schwarzen Off heran, Vater, Mutter, Kind - Thomas, Katia und Erika, statuarisch angeordnet wie meist in dieser Inszenierung. Der Conférencier sagt: "Dieser Mann nimmt einen Bann von Düsseldorf!" Aber man glaubt es nicht. Bald reden die Manns ein wenig, das Oberhaupt ist heiser, die Frauen übernehmen, Tochter Erika (Claudia Hübbecker) glänzt mit einer Kabaretteinlage, Ehefrau Katia (Tanja von Oertzen) hat die Regie zur ernsten Stichwortgeberin verdammt. Einiges Personal wird nach und nach in unverbundenen Szenen präsentiert, darunter Sohn Golo Mann (Jakob Schneider), der unter seinem Übervater leidet.

Nur eine Szene ragt heraus: wenn die zwergenhafte Lübecker Journalistin mit scharfem Verstand den aus ihrer Heimatstadt stammenden Nobelpreisträger zum Interview aufsucht. Dann wird aus dem Hörspiel Theater, Karin Pfammatter reizt die Szene aus, rutscht auf Knien an Mann heran, setzt ihn buchstäblich unter Dampf, entfacht einen ernsten politischen Dialog und setzt nach Manns Statement "Der Mensch ist Mensch dank Mitgefühl" ihre grausame Pointe: "Die übrigen Zwerge von Lübeck wurden vergast." Großartig ist die Schauspielerin, kompromisslos im Zeichen der Zeit, so wie man sich das von den anderen auch gewünscht hätte. Erwähnenswert ist die Begegnung von Klaus Heuser und Thomas Mann, auf die alles hinausläuft. Für einen kurzen stillen Moment ahnt man, was hätte werden können aus dem Stück. Doch Harald Schwaiger als Heuser bleibt blass - und der Conférencier singt völlig unpassend "Schöner Gigolo".

Bleibt der Blick auf die Hauptfigur, Reinhart Firchow, der sich ernst, kontrolliert und würdevoll als Schriftsteller gibt. Seine Düsseldorf-Rede hält er vor zugezogenem Vorhang im hellen Zuschauerraum - die Worte versenden sich.

Auch am Ende hat Regisseur Wolfgang Engel das Drama nicht im Griff. Er hat zu viel Ablenkung zugelassen, zu wenig Charakterstudien hergestellt. Zu wenig Sehnen.

Quelle: RP
 
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