| 00.00 Uhr

Jean-Hubert Martin
Kürzungen kommen die Stadt teuer zu stehen

Düsseldorf. Der frühere Düsseldorfer Museumschef fordert den Erhalt kultureller Vielfalt in der Landeshauptstadt und nennt jeden Abbau "reaktionär". Von Heinz-Norbert Jocks

Er war der erste Generaldirektor des Museum Kunstpalast vor 16 Jahren. Der 72-jährige Franzose, der unter anderem mit Ausstellungen im Pariser Centre Pompidou von sich reden machte, gab damals der Düsseldorfer Kunstszene neue und wichtige Impulse. Die Stadt am Rhein ist ihm so wichtig geblieben, dass er auch die aktuellen Sparüberlegungen in der Stadt kommentiert.

Die derzeit geführte Diskussion über Einsparungen im Kulturbereich kehrt alle Jahre wieder?

Martin Ja, Technokraten holen immer wieder dieselbe Idee aus dem Keller, man könne ein paar Posten streichen, zum Beispiel den eines Direktors, etwas durch Zusammenlegung von Häusern. Aber was ist damit gewonnen? Fast nichts. Nehmen wir Düsseldorf als Beispiel: Kunstpalast und Kunsthalle einer Leitung zu unterstellen. Man muss sich vor Augen führen, dass die Ziele und Aufgaben von Häusern wie Kunstpalast oder Kunsthalle ganz unterschiedlicher Natur sind.

Konkret heißt das?

Martin Unter Beat Wismer, meinem Nachfolger, hat sich das Museum Kunstpalast noch mehr als zuvor der alten Kunst gewidmet. Dass jedes Haus seine eigene Perspektive und eigene Position vertritt, ist extrem wichtig für eine Stadt wie Düsseldorf. Man darf nicht vergessen, dass diese über eine weltberühmte, in Deutschland vielleicht beste Akademie verfügt. Damit das so bleibt, müssen dort weiterhin, und vielleicht sogar noch mehr, bedeutende oder wichtige Positionen der internationalen Kunstwelt gezeigt werden. Dieser Input ist für die Entwicklung werdender Künstler unverzichtbar.

Sie würden sagen, dass der Gewinn der Einsparungen verglichen mit dem dadurch verursachten Verlust an Kultur ein böser Witz ist.

Martin Ja, was dabei verloren geht, lässt sich materiell gar nicht aufrechnen. Im Jahre 2000, als ich die Leitung des Museums Kunstpalastes übernahm, gab es bereits solche Überlegungen. Man hat die Etats so knapp gehalten, dass ein Noch-Mehr die Existenz der Häuser gefährden würde. Die Diskussion über Kultur auf diesem technokratischen Un-Niveau blendet deren Wert für die Gesellschaft total aus. Wenn Düsseldorf so stolz darauf ist, dass in ihr wie sonst nur noch in Weltmetropolen so viele und zudem weltberühmte Künstler ansässig sind, so sollte sie sich dieser Einzigartigkeit und dessen bewusst sein, dass sie der Verschiedenheit ihrer Häuser unter der Leitung ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten zur Sicherung der kulturellen Pluralität bedarf. Deren Abbau ist reaktionär.

Worum geht es den "Technokraten"?

Martin Darum, dass die Kunst und Kultur sich selber tragen. Das funktioniert aber nicht. Gerne wird Amerika als Vorbild zitiert. Dort ist das Steuersystem ein vollkommen anderes. Dadurch ist es möglich, dass reiche Leute mehrere Millionen Dollar Museen stiften. Dabei vertreten diese mehr ihre eigenen Interessen als die der Bürger in einem öffentlichen System. Bei uns ist die Situation eine vollkommen andere, und mit Sponsorengeldern kann nur ein kleiner Teil der Kosten gedeckt werden.

Es gab die Zeit, da Frankreich eifersüchtig auf Nordeuropa, besonders Deutschland, war - über Kunsthallen und Kunstvereine dort.

Martin Ja, bei uns gab es nur Museen. Erst in den 80ern rief Frankreich die "Centres d'art contemporain" ins Leben, die, da sie zeitgenössische Kunst zeigen und nicht sammeln, viel flexibler als Museen reagieren. Wer jetzt aus Kostengründen in Deutschland, und nicht nur dort, Fusionierungen und Kürzungen durchzusetzen versucht, arbeitet an der Zerstörung der Kultur. Dieses technokratische Unterfangen zeugt von einer unglaublichen Kurzsichtigkeit. Über die ständige Forderung nach Besucherquoten wird der Diskurs über die Qualität eines Museums vergessen. Manchen Häusern gelingt es, Besucher mit einer Ausstellung drei Stunden lang in den Bann zu ziehen. Das besagt doch etwas. Wenn mir dreißig Jahre nach einer Ausstellung ein berühmter Künstler erzählt, diese habe seinen Denkprozess so stark stimuliert, dass er daraufhin einen neuen Weg eingeschlagen hat, so gibt es kein schöneres Kompliment. Es kann jeden Tag passieren, dass ein Student der Akademie eine solche Erfahrung macht, das lässt sich nicht rechnen.

Worauf kommt es an?

Martin Darauf, die Museen attraktiver zu gestalten. Und das schafft man nicht durch das wiederholte Zeigen von Kirchner, Picasso oder Matisse. Gar keine Frage, auch das ist wichtig, Was ich mit Künstlern wie Thomas Huber und Bogomir Ecker am Museum Kunstpalast versucht habe, war, die Sammlung auf nicht kunsthistorische Weise zu präsentieren. Museumsdirektoren und Kuratoren sollten mehr über neue Wege nachdenken. Es kommt darauf an, dass Ausstellungen mehr Leichtigkeit und einen gewissen Unterhaltungsfaktor haben und nicht ständig auf kunsthistorisches Wissen verweisen.

Sollte die Unterstützung der Kultur ein Grundbedürfnis demokratischer Staaten sein?

Martin Unbedingt. Ich bin mir sicher, dass die jetzige Diskussion über Einsparungen sich in ein paar Jahren wieder ins Gegenteil verkehrt. Doch bis dahin können diese Kürzungen dem Staat auf kultureller Ebene teuer zu stehen kommen.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Jean-Hubert Martin: Kürzungen kommen die Stadt teuer zu stehen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.