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Düsseldorf
Kunst aus der Hängematte

Düsseldorf. Das Weltkunstzimmer fragt in einer neuen Ausstellung, welche Wertschätzung die Kunst eigentlich noch erfährt. Von Klas Libuda

Höchstwahrscheinlich wusste Yanis Varoufakis nicht einmal, dass das Weltkunstzimmer mit seinem Namen Werbung machte. Der griechische Ex-Finanzminister, der bloß sechs Monate im Amt war, aber einen ziemlich bleibenden Eindruck hinterlassen hat, war nämlich auf den Flyern für die neue Ausstellung angekündigt. Zur Eröffnung sollte er ein Grußwort sprechen, war zu lesen, "(angefragt)" hatten die Macher leicht verhuscht in Klammern dahinter geschrieben. Wer nun also nachfragte, ob er denn wirklich kommt, bekam ein vorbereitetes Statement zurück: Varoufakis käme "voraussichtlich" nicht, aber klar, heutzutage gehe es immerzu um den Promifaktor und die Stars und so weiter.

Ein Schwindel war dies also, ein echter "Varoufake", um es einmal mit der für derlei Späße vorgesehenen Begrifflichkeit zu verschlagworten. Die Ausstellungsmacher hatten damit schon vor der eigentlichen Eröffnung ihrer Schau vorgeführt, wie die Gesetzmäßigkeiten der Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren: immer um die maximale Beachtung buhlen, auf den großen Knalleffekt setzen, einen Varoufakis versprechen - jedenfalls, wäre er nun tatsächlich gekommen, hätte er zwar keinem Spektakel beigewohnt, aber eine gewitzte Ausstellung besucht.

Da ist zum Beispiel gleich im ersten großen Ausstellungsraum eine Videoinstallation von Ulrich Genth und Heike Mutter zu sehen. Die Bilder zeigen ihre 20 Meter große Skulptur "Tiger and Turtle - Magic Mountain" vor düsteren Wolken. Genth und Mutter haben die begehbare Achterbahn-Skulptur vor fünf Jahren auf der Heinrich-Hildebrand-Höhe in Duisburg errichten lassen. Seitdem ist sie zur Attraktion avanciert und ein beliebtes Fotomotiv. Auch eine finnische Lebensversicherung hatte offenbar an ihr Gefallen gefunden und drehte dort eine Fernsehwerbung. Die Künstler wiederum haben sich nun die Werbung vorgenommen und sie mit kulturkritischen Botschaften untertitelt. Das ist der Versuch einer Rückeroberung.

"Vom Wert der Kunst als Wert der Arbeit" heißt die Ausstellung, die noch bis zum 19. Juni zu sehen ist und jeden Winkel der ehemaligen Brotfabrik an der Ronsdorfer Straße zu bespielen versucht. Mehr als ein Dutzend Künstler haben Arbeiten beigesteuert, zu Teilen wurden sie extra für die Schau angefertigt. Im Marketing nennt man das einen Unique Selling Point, ein Alleinstellungsmerkmal. "In der Kunst geht es nur noch um den finanziellen Erfolg von Künstlern", sagt Kuratorin Sabina Maria Schmidt. Die größte Aufmerksamkeit bekommen jene, deren Werke den größten Gewinn erzielen. Dabei, so Schmidt, sei die Kunst doch ein "elementares schöpferisches Ausdrucksmittel und Grundbedürfnis des Menschen" - so schreibt es die Kuratorin im Begleitheft zur Ausstellung.

In der weitläufigen Schau nun fragen die beteiligten Künstler danach, welche Wertschätzung die Kunst und die künstlerische Arbeit eigentlich noch erfahren, und sie spüren Veränderungen der Arbeits- und Lebenswelt nach, gerade auch der eigenen. Die Fotografin Katja Stuke etwa hat Arbeitsstätten in der Kreativwirtschaft abgelichtet. Im Weltkunstzimmer zeigt sie unter anderem die Sprengung einer kalifornischen Zentrale des Fotoapparat-Herstellers Kodak, die viel Staub aufwirbelt. Die Abriss-Bilder stehen nun im Zentrum ihrer Fotoserie.

Romana Schmalisch zeigt mit ihrer Videoarbeit "The Choreography of Labour", wie bestimmte Bewegungsabläufe in der Arbeitswelt bald schon Choreographien gleichen. In ihrem "Mobile Cinema", einer Kinosaal-Miniatur, sind etwa Schnipsel aus dem Börsen-Drama "The Wolf of Wall Street" zu sehen: ausgestreckte Zeigefinger und jubelnde Anzugträger. Der Düsseldorfer Künstler Johannes Bendzulla stellt seinen vermeintlichen Arbeitsalltag auf Whiteboards zur Schau. Fotomontagen zeigen ihn mit dem stets selben Gesichtsausdruck in Meetings, mit Aktenkoffer, vor Kurven und Pfeilen, die im besten Fall nach oben zeigen. "Art Business As Usual" hat er seinen Kunst-Business-Plan genannt.

Eine Pause vom Ausstellungsbetrieb bietet die Künstlerin Christin Lahr im Obergeschoss des Weltkunstzimmers an. Lahr hat dort sieben orangene Hängematten - für jeden Wochentag eine - und eine Soundlandschaft installiert. Zu hören gibt es Geräusche aus der Arbeitswelt, vom Webstuhl bis zum Computerpiepen. Auf den Matten liegen Kopfhörer, die akustische Isolation versprechen. Man lässt sich also hängen, aus den Kopfhörern kommt sanftes Gezwitscher - und Christin Lahrs Stimme, die das "Recht auf Faulheit" proklamiert.

Quelle: RP
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