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Serie Sichere Bank (4)
Kunst besetzen

Düsseldorf. Im Hofgarten hat der Künstler Stefan Sous im Jahr 2002 vierzehn Bänke aufgestellt, die des Nachts die Reitallee wundervoll illuminieren. Von Annette Bosetti

Parkbänke sind zum Turnen da. Man kann perfekt Liegestütz an ihren Sitzflächen machen und an der Rückenlehne den Trizeps trainieren. Eher selten setz' ich mich auf eine Bank. Im Grunde nur bei zwei Gelegenheiten: Wenn ich weit mit dem Fahrrad gefahren bin und kurz mal absteigen muss, um SMS und Mails zu checken. Oder ich bin früher als verabredet an einem Ort eingetroffen, an dem Pünktlichkeit wichtig ist, indes die unübersichtliche Verkehrslage Fahrtzeiten unkalkulierbar macht. Am Schauspielhaus etwa oder am danebenliegenden Dreischeibenhaus mit Patrick Schwarz-Schüttes angesagter Lunch-Adresse, dem Phoenix.

Dann parke ich das Auto und begebe mich zum Warten auf meine sichere Bank. Sie ist die dritte von rechts auf der linken Seite der parallel zur Jägerhofstraße laufenden Promenade. Hier kreuzen sich die Wege, ein belebter und beliebter Verkehrsknotenpunkt von Fußgängern, Flaneuren und Radfahrern. Kläffende Straßenköter und vornehme Windhunde werden ausgeführt, Kinderwagen bewegt. Business-Männer, Touristen, Handwerker kommen auch. Fast jeder, der heute in der Mittagszeit an den Bänken lang läuft, ist mit dem Handy befasst. Wenn die alten Bäume den Verkehrslärm wohltuend abdämpfen, so erhöht das Dauergequatsche der Telefonierer die Phonzahl gleich wieder auf unangenehme Weise

Jägerhofallee heißt der breite Weg korrekt, Reitallee nennt der Volksmund diese durch den Volkspark gezogene Schneise, die weniger Promenade als eine staubige Piste ist. Einmal im Jahr ahnt man, wozu früher solche Alleen angelegt wurden. Denn am ersten Kirmessonntag erlebt sie ihren großen Auftritt: Der Aufzug der 3000 Schützen mit ihren Pferden könnte prächtiger nicht ausfallen. Vor der schlanken korinthischen Säule der Prinzessin Stephanie von Hohenzollern legen die Schützen ihr zu Ehren ein Blumengebinde nieder. Die Hochwohlgeborene war nicht nur die zweite Düsseldorferin auf dem portugiesischen Königsthron, sondern auch eine Freundin der Armen.

Meine Bank wird dann am Festtag mit einem weißen Tuch verhüllt, vor den Menschenmassen und Pferdehufen geschützt. Denn sie ist ein Kunstwerk, nicht grün und aus Plastik wie die meisten Parkbänke oder aus Stein wie andere Sitzgelegenheiten hier im Hofgarten. Meine ist eine unter 14 Gleichgestalteten und steht nur 100 Schritte vom Gustaf-Gründgens-Platz entfernt.

Was auffällt: Außer mir sitzt niemand auf diesen Bänken aus transparenten Kunststoff-Rollen, in deren Innern Neonröhren angebracht sind. Daher werde ich geradezu angestarrt. Nur nicht bei Dunkelheit, wenn das Bankensemble leuchtet wie von Tausenden Glühwürmchen durchwirbelt, und kaum noch Fußgänger sich hier blicken lassen. Wahrscheinlich waren diese Bänke aus transparenten Kunststoffrohren auch nie zum Sitzen gedacht.

Der Künstler Stefan Sous hat diese sich über 100 Meter erstreckende Licht-Installation 2002 für den Hofgarten entworfen. Sie fügt sich in das uralte Baumraster ein, wird zur leuchtenden Landmarke. Abstände, Proportionen und Lichtfarbe der jeweils vier Meter breiten Bänke setzen Assoziationen in Gang, bei Tag weniger als bei Nacht. Bei Helligkeit leuchtet nur das Material der Rollen ganz schwach und weißlich. In der Dunkelheit aber ist die Installation, die den Namen "UVA-UVB" trägt, unglaublich wirkungsvoll. Das Leuchten - der Künstler spricht angesichts der angestrahlten Baumkronen von einer "Kathedrale des Lichts" - ist so stark, dass Vandalen offenbar schwer beeindruckt sind und die Finger von der Kunst lassen. Anders ist es am Tage: Knapp ein Jahr ist es her, dass zerstörungswütende Zeitgenossen die Bänke beschädigten.

Immer dann rückt der in Düsseldorf lebende Künstler selbst an und repariert. Die Stadt, bei der bezeichnenderweise eine Sachbearbeiterin mit dem Namen Ulla Lux (zu deutsch: Licht) zuständig ist und die Ausstellung 2002 im Hofgarten auch kuratiert hatte, schätzt dieses Kunstwerk, dessen Erhalt rund 6000 Euro im Jahr verschlingt.

Zurzeit wäre eine Inspektion mal wieder dringend nötig. Die Bänke sind verharzt und verdreckt. Setzt man sich drauf, klebt man sogleich mit der gesamten Kleidung fest. Nächstes Mal werde ich mir ein Sitz-Kissen mitbringen, auch damit es bequemer ist auf meiner Lieblingsbank. Empfehlen kann ich den Zwischenstopp am Mittag jedenfalls. Besonders für den, der (noch) keine Kunst besitzt. So kann er Kunst immerhin besetzen.

Quelle: RP
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