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Düsseldorf
Kunst, die aus der Kälte kommt

Düsseldorf: Kunst, die aus der Kälte kommt
Im Mittelpunkt der Schau stehen die vier Camouflage-Schnee-Ponchos für den Militäreinsatz im Winter. FOTO: Hans-Jürgen Bauer
Düsseldorf. Die schottische Künstlerin Charlotte Prodger stellt im Kunstverein aus. Zu erleben sind Arbeiten, die Natur und Technik thematisieren. Von Regine Müller

Die Künstlerin Charlotte Prodger setzt auf Irritationen, die sich auf leisen Sohlen nähern. Der Saal des Kunstvereins für die Rheinlande und Westfalen, in dem in einer Einzel-Ausstellung acht Arbeiten von der aus Glasgow stammenden Künstlerin zu sehen ist, sieht auf den ersten Blick klar und schlicht strukturiert aus. Ein aufgeräumter, luftig arrangierter Parcours von Arbeiten, die sich auch farblich vorzugsweise in dezenten Grau-Tönen zurückzuhalten scheinen.

Aber die Arrangements haben es in sich. Denn je länger man die Installationen und Objekte betrachtet, desto verwirrender werden die Zusammenhänge. Immer mehr Abweichungen in den seriell angelegten Folgen stoßen auf, optische und semantische Beziehungen fallen erst nicht auf, dann leuchten sie ein, bevor sie wieder fragwürdig werden. Prodgers Spiel mit Fragen des Zusammenhangs ist raffiniert inszeniert und wirkt in seinem beinahe gemächlichen Rhythmus seltsam insistierend.

Dominiert wird der Raum von vier Camouflage-Schnee-Ponchos (für den Kriegseinsatz im Winter), die jeweils zwischen zwei massiven Plexiglas-Scheiben gepresst in aufrechter Haltung mitten im Raum stehen. Sie wirken wie Kult-Gewänder aus Japan oder ausgeblichene Messgewänder aus der Domschatzkammer und zugleich muss man an histologische Präparate denken, die gleich unter dem Mikroskop betrachtet werden sollen. Die Ponchos werden in Serie gefertigt und sind identisch bedruckt. Doch es gibt Unterschiede in der Intensität der schwarzen Tarnflecken, auch die metallenen Ständer sind in zarten Abtönungen lackiert.

Prodger zeigt auch Video-Arbeiten, bevorzugt dabei aber Technik, die aus dem Laborbereich zu stammen scheint und aufreizend "retro" wirkt. Eine Arbeit, die sie mittels auf Youtube gefundenen Videos komponiert hat, zeigt Clips von Bullterrier-Besitzern, die ein typisches Verhalten dieser optisch nicht unbedingt einnehmenden Hunde zeigen: Die massigen und oft als Kampfhunde dressierten Tiere fallen in eine Art Trance, wenn sie mit Pflanzen in Berührung kommen. Unterm heimischen Ficus stehen sie plötzlich still, wirken abwesend und bewegen sich wie in Trance im Zeitlupentempo unter Ästen und Blättern. Prodger hat mehrere Hundebesitzer-Videos hintereinander geschnitten, die sich verblüffend ähneln und eben doch wieder anders sind.

Ein weiteres Video dokumentiert die Bearbeitung eines Feuersteins zu einer massiven Feuersteinklinge, ein weiteres zeigt die Künstlerin selbst in neuen Sneakers in Geröll herumstapfen, eine kurze Sequenz zeigt die langsame Zerstörung eines alten 16-mm-Films.

An den Wänden sind grob gerasterte Schwarz-Weiss-Fotos von Farnen, die Prodger wieder hinter Plexiglas gebannt hat. Bei genauer Betrachtung entdeckt man geometrisch ins Glas gestanzte Patterns, die nicht zufällig exakt die Maße der Lüftungsschlitze haben, die nebenan der altmodische Monitor aufweist, der die Zerstörung des 16-mm-Films zeigt. Aber brauchen die grau gerasterten Farne auf dem Foto Lüftungsschlitze? Oder ist in dem regelmäßigen Raster am Ende vielleicht doch eine Geheimformel verborgen?

"Video-Skulpturen" nennt Prodger ihre Arbeiten, die in ihrer ruhigen Gangart und ihrem dokumentarischem Charakter so sachlich wirken wie Bauanleitungen oder Informations-Videos.

Den Hintergrund von Prodgers Arbeit bildeten die Konzepte "Natur" und "Technik" weiß der Beipackzettel zur Ausstellung. Das klingt in seinem sauberen Gegensatz fast zu simpel für Prodgers Verwirrspiel. Denn die Natur scheint weit weg, selbst wenn sie bildlich konkret aufscheint. Sie ist vielmehr Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung, Erfassung und Klassifizierung. In Prodgers Naturdarstellungen - die eher wie Zitate wirken - sind weder romantischer Zauber, Idylle noch die Kräfte rumorender Gewalt zu spüren.

Beunruhigend ist eher die Ausstrahlungs-Kälte ihrer Installationen und die Nüchternheit ihrer sich dokumentarisch gebenden Haltung. Vielleicht ist das Schlüsselwort für Prodgers Kunst 'Distanz'. Eine Distanz, die unvoreingenommene Fragen stellt dazu, was Kunst, Natur und Technik eigentlich verbindet. Und die es aushält, darauf partout keine Antwort geben zu können. Oder besser gesagt, keine Antwort geben zu wollen.

Quelle: RP
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