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Düsseldorf
Kunst hat immer etwas mit Köpfchen zu tun

Düsseldorf: Kunst hat immer etwas mit Köpfchen zu tun
Die koreanische Künstlerin Ga Ram Kim hat im Atelier am Eck (Himmelgeister Straße 107e) neben ihrem Candy-Automaten auch noch einen Frisiersalon installiert. Hier frisiert sie ihre Besucherin Dorothea Walter. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Die Düsseldorfer "Kunstpunkte" zeigen, wie unbekümmert sich junge Künstler über alle Genregrenzen hinwegsetzen. Von Klaus Sebastian

Der erste Schritt hin zur Karriere als Kunstsammler ist ganz einfach: Für einen Euro kaufen wir am Wochenende der offenen Ateliers ein Kunstwerk! Es handelt sich um einen bunten, essbaren Lollipop, den die koreanische Künstlerin Ga Ram Kim in einer bunten Schachtel verpackt hat. Ohne Mitwirkung des Käufers geht hier übrigens nichts. Nur wer einen Euro in den Pop-Art-Automaten wirft, gelangt in den Besitz des zuckersüßen Kunstwerks.

Zeitgenössische Kunst setzt ja sowieso auf den Dialog und die Mitwirkung des Betrachters. Und Ga Ram Kim weiß offensichtlich, wie man passive Besucher zum Mitmachen animieren kann. Im Atelier am Eck (Himmelgeister Straße 107e) hat sie neben ihrem Candy-Automaten auch noch einen Frisiersalon installiert. Wer mag, kann sich von der Stipendiatin aus Seoul die Haare schneiden lassen und an diesem Ort der Kommunikation über den Grexit oder die Flüchtlingspolitik diskutieren.

Das Beispiel zeigt, wie unbekümmert sich junge Künstler heutzutage über alle Genregrenzen hinwegsetzen: Installation, Performance, Design von Konsumobjekten, Eat Art, politische Diskussion - das geht alles zusammen. Joseph Beuys hätte vermutlich seine wahre Freude an dieser Entwicklung gehabt.

Die meisten Besucher kommen nicht nur wegen der Kunstwerke in die Ateliers, sondern weil sie hier mit den Künstlern ins Gespräch gelangen möchten. Manche kommen seit Jahren regelmäßig und sind gespannt darauf, ob und wie der Künstler sein Werk weiterentwickelt hat.

Im Atelierhaus an der Himmelgeister wohnt und arbeitet auch das Künstlerpaar Ulrike Kessl und Johannes Sandberger. Seit Jahren befreit Kessl textiles Material vom Alltagszweck und verwandelt es ideenreich in etwas Überraschendes. Aus in die Länge gezogenen Strumpfhosen kann dann ein architektonisch anmutendes Netz werden, unter dem die ahnungslosen Besucher Kaffee trinken. Auch Sandberger ist seinem intelligenten Konzept treu geblieben. Wie ein gewissenhafter Uhrmacher verfeinert und perfektioniert er seine sensiblen Holzobjekte, die fragil wie Seifenblasen immer neu auf die Welt kommen und doch unverkennbar vom selben Künstler stammen.

Ein Wiedersehen gibt es auch beim "Kunstpunkt" am Höherweg. Ansgar Skiba schafft hier, und sein Atelier scheint sich immer mehr in ein Biotop aus purer Farbe zu verwandeln. Tische, Stühle, Staffeleien - alles ist mit einer bunten Farbkruste überzogen. Wie man unschwer erkennt, geizt der Künstler nicht mit dem Malmaterial. Seine großformatigen Gemälde bedeckt Skiba in rhythmischer Bewegung mit buttercremedicken Farbschichten. Hier blüht die Farbe, sie explodiert und leuchtet. Die Gärten hinterm Haus am Höherweg inspirierten ihn zu seinen Bildern, verrät Skiba. Und Jahr um Jahr verwandelt er sein Atelier selbst in einen Garten der Farben.

Im Hinterhof finden wir tatsächlich einen verwunschenen Garten vor, in dem gesundes Gemüse angebaut wird. Auch die Hofgebäude werden von Künstlern genutzt: Andreas Bee entwickelt hier seine klare Formensprache. Ein großes, bauchiges Gefäß aus Keramik steht archaisch im Raum und ist einfach schön.

Lebhafter geht es nebenan zu. Hier hat sich der Künstler Klaus Richter fein gemacht und begrüßt uns im weißen Dinner-Jackett. Bei ihm muss man immer auf eine Prise Ironie gefasst sein. Wie ein Nachfahre des Konzeptkünstlers Marcel Duchamp, der vor hundert Jahren ein Urinoir in ein Kunstobjekt verwandelte, bietet auch Richter allerlei Alltagsgegenstände zum Verkauf an: Einen alten Teppichklopfer für 5,20 Euro, eine leicht vergilbte Parkscheibe für 40 Cent.

Womöglich geht es auch hier um die Sensibilisierung des Besuchers: Wer genau hinschaut, wird in den nostalgischen Raritäten womöglich etwas Zauberhaftes entdecken. Die geflochtenen Teppichklopfer waren jedenfalls schnell ausverkauft. Bevor wir das Haus verlassen, bleibt noch Zeit für ein kurzes Gespräch mit einer weiteren Gastkünstlerin. Die Amerikanerin Jasmine Justice ist für fünf Wochen an den Rhein gekommen und hat ihre wolkig bemalten Gemälde einfach an die Wände gelehnt.

Sie schwärmt von Düsseldorf: "Dass es in so einer kleinen Stadt eine solche kulturelle Vielfalt gibt! All die Museen, Galerien, die Kunstakademie." Das gebe es in den USA so nicht. Na, wer sagt's denn.

Quelle: RP
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