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Düsseldorf
Kunst über die Krisen in der Welt

Düsseldorf: Kunst über die Krisen in der Welt
Das Werk des niederländischen Künstlers Lukas Julius Keijser. Er hat Fotomaterial von gefolterten Syrern frei zugänglich im Internet gefunden, dieses abstrahiert und mit ätzender Farbe auf Tücher gedruckt. FOTO: Lukas Julius Keijser
Düsseldorf. In der Bunkerkirche Heerdt ist die Schau "Contemporary Crisis" zu sehen, in der sich junge Künstler mit aktuellen Themen befassen. Von Carolin Skiba

Unsere Zeit ist eine Zeit der Krisen. Medien berichten täglich darüber, doch haben Rassismus, Gewalt und extreme Zuwanderung längst selbst ihren Weg in die Mitte der Gesellschaft gefunden und sind Teil unseres Alltags geworden. Kein Mensch, der die Augen vor diesen Krisen verschließen kann und sich nicht mit den Geschehnissen auseinandersetzen muss. Ganz bewusst haben sich neun zeitgenössische Künstler mit den aktuellen Krisen der Welt beschäftigt. Entstanden ist eine berührende Ausstellung, deren Werke mit dem Ausstellungsort verschmelzen und erst durch ihn ihre Wirkung entfalten.

Fast ein wenig unscheinbar steht sie da am Handweiser, die alte Bunkerkirche an der Heerdter Landstraße. Ein Betonklotz, der den Nationalsozialisten als Schutzraum dienen sollte, getarnt als Kirche, die sie ursprünglich werden sollte und nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich wurde. Im Erdgeschoss erinnert nichts mehr an diese dunklen Tage. Doch begibt man sich eine Etage tiefer, fühlt man sich in eine Zeit zurückversetzt, die einen schaudern lässt - kleine, beklemmende Räume aus nichts als Beton, durchzogen mit dicken Rissen und modriger Luft reihen sich aneinander. Menschen verbrachten dort auf engstem Raum ihre Tage. Eine Atmosphäre des Unbehagens, die aber der Ausstellung eine einzigartige Dimension gibt.

Hinab geht es nicht etwa über Treppen, sondern über einen ebenen Boden, über den damals Lebensmittel in Schubkarren befördert werden konnten. Gleich zu Anfang dieses Abgangs befindet sich ein kreisrunder Raum, knappe 15 Quadratmeter groß. In der Mitte steht ein Konstrukt aus einer Glühbirne und einem Element, das sich auf- und abwärts bewegt. Das Konstrukt stülpt sich über die Glühbirne und nimmt dem Raum das Licht. Der Künstler Paul Hempt, der noch bei Andreas Gursky studiert, hat diese Installation eigens für den Raum im Bunker geschaffen und verweist damit auf die Geschichte des Ortes. Die Bewegungen des Lichtes können als Angriffe auf den Bunker und seine Insassen interpretiert werden.

Hat man diese Station hinter sich gelassen, geht es immer tiefer hinab in die untere Etage. Wer nach unten will, wird unausweichlich mit der Soundinstallation von Vera Drebusch konfrontiert. Auf dem Weg befinden sich Lautsprecher, die monoton die Unworte der vergangenen Jahre wiedergeben. Worte wie "Überfremdung", "Gutmensch" oder "alternativlos" drücken die Krisen der Zeit in nur einem Wort aus. Abwärts scheint es bei dieser Installation nicht nur in Form des Weges zu gehen, sondern auch symbolisch - mit der Gesellschaft, aus der diese Worte hervorgingen.

In einem weiteren kreisrunden Raum am Ende des Weges hängen 66 Din-A4-Seiten mittig entlang der Wand. Darauf sind handgeschrieben 178 Geschichten mit rechtsradikaler Thematik zu lesen, die die Künstler Sina Seifee und Vera Drebusch im Archiv des Hauses der Geschichte gefunden haben. Parallel dazu läuft ein Tonbandgerät, das in der Mitte des Raums platziert ist, aus dem eben diese Straftaten zu hören sind. Sina Seifee liest sie.

Im Durchgang zu den weiteren Bunkerzellen hängen die Werke der in Deutschland lebenden griechischen Künstlerin Maria Rigoutsou. Ihr Thema ist die Finanzkrise in Griechenland, die sie mit traditioneller Ikonen-Malerei ausdrückt. Dazu hat sie Graffiti und Sprüche von griechischen Hauswänden, Namen, etwa von Rating-Agenturen, und weitere Motive, die als Reaktionen aus dem Volk zu verstehen sind, auf Leinwand gebracht und mit einem Blattgold-Imitat behandelt. Die Künstlerin meint, Geld sei heutzutage heilig und bestimme das Leben vieler Menschen - so wie früher christliche Ikonen.

Mit der Syrienkrise hat sich der niederländische Künstler Lukas Julius Keijser beschäftigt. Er verwendet Fotomaterial eines Kriegsfotografen, das er frei zugänglich im Internet gefunden hat. Die Bilder, die vom Assad-Regime gefolterte Syrer zeigt, hat der Künstler verändert und mit ätzender Farbe auf Tücher gedruckt.

Ob Sterbehilfe, menschliche Abhängigkeit von Technologie, Homosexualität, Grenzschließung, Vertreibung, Folter oder die Entwicklung der Fleischindustrie: Es gibt kaum eine Krise, die sich nicht in einer der Bunkerzellen wiederfinden lässt. Die Ausstellung ist ein audiovisuelles Erlebnis, dargestellt in sämtlichen Kunstformen, von der Fotografie bis zur Video-Installation. Dabei geht es dem Kurator der Ausstellung, Wilko Austermann, nicht um die vollständige Darstellung aller aktuellen Krisen. Es geht darum, wie junge Künstler die Krisen empfinden und sich mit ihnen auseinandersetzen.

Quelle: RP
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