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Eva Birkenstock
"Kunstvereine sind flexible Orte"

Düsseldorf. Die designierte Leiterin des Düsseldorfer Kunstvereins will für Kunst begeistern. Besucherzahlen spielen dabei nicht die größte Rolle. Von Annette Bosetti

Ab September leitet Eva Birkenstock die Geschicke des Kunstvereins in Düsseldorf. Sie folgt auf Hans-Jürgen Hafner, der turnusgemäß nach fünf Jahren ausscheidet.

Sie werden Leiterin des traditionsreichen Düsseldorfer Kunstvereins - was reizt Sie an der Aufgabe?

Birkenstock Kunstvereine zählen für mich zu den spannendsten Institutionen im zeitgenössischen Kunstbetrieb. Denn sie sind konkrete Orte der Produktion, Vermittlung und Verhandlung, in denen nicht Trends gefolgt, sondern erarbeitet, diskutiert und gesetzt werden.

Was ist an dieser Aufgabe so spannend?

Birkenstock Es sind flexible Orte, die aufgrund ihrer Größe spontaner als andere Institutionen auf aktuelle Entwicklungen reagieren können. Und das ist wirklich einmalig, so kann für mich ein Kunstverein alles sein: Produktionsstätte, Konzerthaus, Kino, Tanzsaal, Lesegruppe oder einfach ein Ausstellungsraum.

Was bedeutet der Klima-Wechsel ins Rheinland für Sie nach Jahren in Bregenz?

Birkenstock Als Kölnerin bin ich der Region nicht nur persönlich sehr verbunden, sondern ich schätze auch die hohe Dichte an erstklassigen Ausstellungshäusern und einer der wichtigsten Kunstakademien in nächster Nachbarschaft. Man spürt immer noch, dass das Rheinland von einer langen und wichtigen Geschichte der Gegenwartskunst geprägt ist, die sich weiter fortschreibt. Das ist einzigartig.

Ist Ihnen die Kunstszene im Rheinland noch vertraut?

Birkenstock Es gibt sicher noch viel zu entdecken, aber fremd ist sie mir nicht. Ich war während meiner Zeit in Bregenz regelmäßig im Rheinland. Gerade in den letzten Jahren ist hier eine sehr interessante junge Szene aktiv, die sich bewusst entschieden hat, nicht nach Berlin oder New York zu gehen. Ich denke hier an Galeriegründungen wie Drei, Jan Kaps oder Max Mayer, aber auch nichtkommerzielle und künstlerbetriebene Initiativen wie Capri, Good Forever oder den Single Club.

Welche Rolle kann ein Kunstverein spielen im Konzert der Museen?

Birkenstock Vielleicht Schlagzeug? Gerade als Institutionen, die sich auf künstlerische Produktion zwischen Hochschule und Museum konzentriert, sind Kunstvereine häufig diejenigen Orte, die den Takt angeben.

Der Düsseldorfer Kunstverein hat dramatisch Mitglieder verloren, von einst 10.000 auf 3000 ist die Mitgliederzahl geschmolzen. Haben Sie Ideen, den Verein wiederzubeleben?

Birkenstock Der Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen mit 3000 Mitgliedern ist nicht nur einer der mitgliederstärksten Kunstvereine in Deutschland, sondern trotz jährlicher Austritte hält er diese Zahl seit mehr als 15 Jahren konstant. Finden Sie das nicht beachtlich?

Schielen Sie denn auch nach der Jugend?

Birkenstock Zeitgenössische Kunst ist zwar mehr en vogue denn je, gleichzeitig wächst aber auch das Angebot. Ich freue mich, gemeinsam mit dem Team, dem Vorstand und den Mitgliedern selbst über Anreize, Strategien und Aktivitäten nachzudenken, die zeigen, dass die aktive Mitgestaltung des Vereinsgeschehens etwas ganz Besonderes ist. Mein Vorgänger Hans-Jürgen Hafner hat diese Fragen in der Vergangenheit ja bereits sehr ernst genommen, ich denke hier zum Beispiel an die Gründung einer wachsenden Gruppe an jungen Freunden. Das soll fortgesetzt und intensiviert werden.

Die Ausstellungen im Kunstverein haben an Bedeutung verloren, nur Insider gehen noch dorthin.

Birkenstock Sicherlich können zeitgenössische, noch nicht so etablierte Positionen, neue Theorien und Diskurse in der ersten Konfrontation sperrig erscheinen. Das heißt für mich aber nicht, dass sie deshalb bedeutungslos wären.

Sind Besucherzahlen eine ernstzunehmende Benchmark für Sie?

Birkenstock Hohe Besucherzahlen sind nicht zwangsläufig Indikatoren für ein erfolgreiches und mutiges Programm. Das ist komplizierter. Kunst ist weder Fußball noch Massenmedium, sondern ein spezialisiertes Feld. Auch wenn ich möglichst viele Menschen durch mein Programm für den Kunstverein und zeitgenössische Kunst begeistern möchte, ist es nicht mein alleiniges Ziel, dadurch die Zahlen zu steigern.

Planen Sie gemeinsame Aktivitäten mit der Kunstakademie?

Birkenstock Es ist eine unglaubliche Freude und Bereicherung, eine Akademie mit einer derart beeindruckenden Geschichte und herausragenden Künstlerinnen als Professoren in Düsseldorf zu haben. Als Studentin bin ich regelmäßig zu den Rundgängen gegangen und versuche das bis heute. Es werden sicherlich neue Verbindungen entstehen, ich habe großes Interesse an einem Austausch. Wie und in welcher Form ein solcher stattfinden kann, wird sich noch zeigen.

Wissen Sie schon, wen oder was Sie als Erstes in Düsseldorf zeigen werden?

Birkenstock Bei meiner Arbeit ist es mir immer wichtig gewesen, ein spezifisches Programm zu entwickeln, das im Dialog zu und mit einem bestimmten Ausstellungsort, seinem Publikum und seiner Geschichte entsteht. Namen nenne ich zu diesem Zeitpunkt keine. Sie verstehen sicher, dass ich erst mal ankommen muss.

Quelle: RP
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