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Jürgen Becker
"Landschaft ist ein Produkt menschlicher Tätigkeit"

Düsseldorf. Ein Fest der Poesie im Heine Haus soll es wieder werden - und die Namen der eingeladenen Dichter sind ein Versprechen: Unter anderem wird Anfang September Friedenspreisträger Liao Yiwu lesen, Nobelpreisträgerin Herta Müller und Büchnerpreisträger Jürgen Becker, mit dem das Fest auch beginnen soll. Von Lothar Schröder

Warum steht die Natur nach wie vor im Zentrum poetischer Betrachtung?

Becker Es geht mir weniger um Natur als um Landschaft. Die Natur hat sich ja aus der Landschaft - jedenfalls aus der, in der wir leben - weitgehend entfernt. Die Landschaft am Rande der Städte ist die von mir bevorzugte, da, wo Vorstadt allmählich in Landschaft übergeht und wieder die nächste Stadt vorbereitet. All das, was in der Natur einmal vorhanden und für uns Menschen eine Alternative zu sein schien, hat sich verflüchtigt.

Aber es geht ja nicht darum, eine Idylle zu suchen...

becker ... es geht darum, zu erkennen, wie sich in der Landschaft auch Geschichte abbildet: die Geschichte der Menschheit, der Politik, der Kriege. Die Landschaft ist für mich eine Art Collage, in der sich verschiedene Zeitschichten entdecken lassen.

Ist Dichtung mit diesem Blick auf die Landschaft dann auch politisch?

becker Natürlich trete ich nicht mit einem politischen Blick an die Landschaft heran. Ich versuche, sie elementar auf mich wirken zu lassen. Doch kommen dann sofort die Widersprüche zum Vorschein: Landschaft ist kein politikfreier Raum. Auch diese Spuren sehe ich.

Ist in der Landschaft das Gedächtnis von uns eingeschrieben und festgehalten - und zwar auf andere Weise, als wir es in unseren Archiven dokumentieren?

Becker Wenn man eine Wiese oder ein Waldstück einfach so betrachtet, könnte man den Eindruck haben, die Landschaft habe alles vergessen. Aber Landschaft ist immer wieder ein Produkt menschlicher Tätigkeit. Das muss man wissen. Die Dörfer der Kindheit gibt es nicht mehr. Und natürlich weiß man auch, warum das so ist; darüber brauche ich keine Gedichte zu schreiben. Mich interessieren die Reste, das Übersehene.

Ist der Dichter in diesem Sinne ein melancholisch Erinnernder, der in seinen Versen Verluste permanent mit sich führt?

becker Für mich ist ein Gedicht immer ein Medium der Erinnerung. Das Gedicht entdeckt also immer etwas. Das muss sich nicht notwendigerweise melancholisch anhören; aber manchmal gesellt sich ein melancholischer Ton hinzu, wenn man Verschwundenes registriert und Trauer entsteht über all die Zerstörungen. Das sind aber nie Anklagen, Gedichte sind schließlich keine Manifeste. Ein Gedicht soll in erster Linie erst einmal einen Erinnerungsvorgang herstellen - in mir, der es schreibt, und in dem, der es liest.

Sie sind dem Kölner Raum treu und verbunden. Was finden Sie hier, was anderswo möglicherweise nicht zu finden ist?

Becker Heimat ist für mich ein sehr offener Begriff. Das Wort Heimat habe ich für mich lange mit einem gewissen Misstrauen verwendet. Heimat existiert für mich als feste Größe nicht; Heimat kann für mich überall sein. Ganz sicher ist Heimat etwas, wo erste Erfahrungen gemacht wurden und Wahrnehmungen entstanden sind, die sich gehalten haben. Das verbindet sich dann mit einem Ort, einem Haus, einer Straße. Das würde ich dann Heimat nennen. Heimat ist auch ein Raum von Gewohnheiten.

Heimat hat dann für Sie nichts mit Identität zu tun?

Becker Zumindest nicht auf Anhieb. Identität kann man herstellen und ist - weil es oft aus vielen Dingen zusammengesetzt ist - etwas sehr Widersprüchliches. Es ist auf jeden Fall nichts Gegebenes.

Mit Ihrer Lesung wird das Poesie-Fest im Heine Haus eröffnet. Verändern sich Gedichte beim öffentlichen Vortrag?

Becker Ein Gedicht entsteht in einer vollkommenen Isolation. Und das Vorlesen geschieht dann in aller Öffentlichkeit; und ich bin der Darsteller. Wobei ich weiß, dass das Anhören eines Gedichts ungleich schwieriger ist als das Lesen. Innerhalb eines Gedichtes passiert sehr viel; und das bekommt der Hörende selten mit. Diese Art der Kommunikation ist oft sehr oberflächlich. Ich kann nicht erwarten, dass der Zuhörer sofort weiß, was ich sage und was es bedeutet. Das ergeht mir selber so: Wenn ich einem Kollegen zuhöre, verstehe ich kein Wort. Ich muss ein Gedicht lesen.

Sie werden an der Stelle von Heines früherem Geburtshaus lesen; was bedeutet Ihnen das Werk des weltberühmten Düsseldorfer Dichters? Hat seine Lyrik Einfluss auf Ihre Arbeit genommen?

Becker Nein, überhaupt nicht. ich schätze seine Gedichte, aber das ist epochenweit entfernt von der Art, wie wir heute Gedichte schreiben. Und da gibt es auch keine Kommunikation. Ein Leitartikel in einer Zeitung hat auf mich mehr Einfluss als ein Gedicht der deutschen Romantik.

Quelle: RP
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