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Leonhard Koppelmann
Lehrstück über den "Schlächter von Lyon"

Leonhard Koppelmann: Lehrstück über den "Schlächter von Lyon"
Leonhard Koppelmann (r.) während der Probe zum "Schlächter von Lyon" im Gespräch mit Schauspieler Andreas Grothgar. Er spielt die schwierige Rolle des grausamen Klaus Barbie. FOTO: Sebastian Hoppe
Düsseldorf. Am Düsseldorfer Schauspielhaus kommt die Uraufführung von "Barbie - Begegnung mit dem Bösen" heraus. Ein Gespräch mit dem Regisseur. Von Annette Bosetti

Als "Schlächter von Lyon" ist Klaus Barbie (1913-1991) in die Geschichte eingegangen. Barbie war ein mehrfach verurteilter SS-Kriegsverbrecher, der als Gestapo-Chef in Frankreich für die Deportation von mindestens 842 Menschen, darunter die 44 jüdischen Waisenkinder aus Izieu, verantwortlich war. Dem Leben und dem Charakter dieses Mannes nähert sich ein Theaterstück, das in Düsseldorf uraufgeführt wird. Wir sprachen mit dem Regisseur und Autor Leonhard Koppelmann (45) über die Produktion.

Darf man der Bestie Barbie eine Bühne bieten?

Koppelmann Man muss es sogar. Denn der Täter entlarvt sich durch seine Worte. Nur so können wir Ableitungen für uns heute finden.

Will das Publikum so etwas sehen?

Koppelmann Es ist vielleicht eine Überprüfung wert. Weil das Stück zur Selbstbefragung anregt: Gibt es einen Teil dieser Bestie auch in mir oder in meinem Umfeld? Der Text soll dafür sensibilisieren. Wir befinden uns in einer sich zunehmend radikalisierenden Gesellschaft, der Diskurs wird schärfer. Man kann schon bittere sprachliche Kontinuitäten entdecken, die im besten Fall unser Frühwarnsystem anwerfen.

Sie haben bereits ein Hörspiel zum selben Thema produziert. Wie wurde Ihr Interesse an dem Stoff geweckt?

Koppelmann Erstens aus persönlichen Gründen: Mein Vater ist in Israel geboren, mein Großvater kehrte 1956 zurück nach Deutschland, und mein Urgroßvater wurde während der Nazizeit in Düsseldorf versteckt. Dieser Lebensgeschichte kann man sich nur schwer entziehen.

Und außerdem?

Koppelmann Bei einer Recherche entdeckte der Dokumentarfilmer Peter F. Müller unveröffentlichtes Material von Barbie. Der Nazischerge hatte bei seinem Prozess in Lyon durchgehend geschwiegen, und damit blieb immer eine historische Leerstelle. Nun haben wir das Material, diese Leerstelle zu füllen.

Worauf baut das Stück?

Koppelmann Uns liegen seine Selbsteinlassungen als authentisches Zeugnis vor, die er nach seiner Verhaftung in Frankreich für seinen Verteidiger aufgeschrieben hat. Dazu kommen Forschungsergebnisse von Peter Hammerschmidt über die Verquickung Barbies mit dem Bundesnachrichtendienst im Nachkriegsdeutschland. Und wir werten ein 14-Stunden-Gespräch des Ex-"Stern"-Reporters Gerd Heidemann mit Barbie aus. Er hat ihn in seinem Exil aufgesucht, in Bolivien, wo er sich als Klaus Altmann eine neue Existenz aufgebaut hatte. Sieben Tage lang konnte er ihn befragen. Dabei kam Erstaunliches heraus.

Zum Beispiel?

Koppelmann Dass einer wie Barbie sich nie änderte. Dass er bei der ersten Gelegenheit wieder politisch aktiv wurde. Er hat ein Leben lang als Folterer und Mörder operiert, so wie es früh in ihm angelegt war.

Erfahren wir Neues über Klaus Barbie, was wir noch nicht wussten?

Koppelmann Auf jeden Fall. Zum Beispiel, dass er mittelbar an der Ergreifung und Tötung Che Guevaras beteiligt war. Noch wichtiger ist aber vielleicht die Antwort auf die Frage nach seiner Prädisposition. Was bewegte ihn? Aus welchem Antrieb handelte er?

Und was lernen wir?

Koppelmann Ich behaupte: Barbie war kein vordergründiges Monster - ein Psychopath, der sich schon durch seinen irren Blick entlarvt. Im Gegenteil, er war ein normales Mitglied der bürgerlichen Gesellschaft, der nette Familienvater von nebenan. Das macht ihn so gefährlich.

Ist dieses Bühnenstück auch ein allgemeingültiges Lehrstück, das in die Zeit von heute weist?

Koppelmann Betrachten wir nur die jüngsten Gräuel, den Balkankrieg oder die Untaten des IS. Im einen Fall brechen zu Dutzenden ehemalige Einwanderer aus Jugoslawien aus unserer Mitte in ihre ursprüngliche Heimat auf, um sich als Söldner bei ethnischen Säuberungen zu verdingen. Und jetzt wieder sind es Kinder, Jugendliche, die mit uns zur Schule gegangen sind, im gleichen Sportclub waren, die nun bestialische Taten in Syrien und sonst wo begehen. Die Täter kommen nicht vom Mars, sondern aus unserer Mitte.

Kann durchs Theater sprachliche Sensibilisierung stattfinden?

Koppelmann Das hoffe ich doch sehr! Wir müssen dieses Frühwarnsystem in uns aktivieren, denn meist steht das Wort vor der Tat. Die Sprache bereitet das Klima für bestimmte Denkungsarten, die dann die Taten erst möglich machen.

Viel Schreckliches ist denkbar . . .

Koppelmann Einen Mangel an Folterern und Mördern werden wir nie haben. Wir alle tragen auch Züge des Bösen in uns, das muss man akzeptieren. Deshalb ist es ein stetiges Ringen mit den Gefühlen von Wut, Hass und den damit einhergehenden Rachegelüsten, Einhalt zu gebieten. Wir haben eben nur eine dünne Zivilisationskruste.

Wie findet man überhaupt einen Schauspieler für diese Rolle?

Koppelmann Andreas Grothgar hat selbst das Stück vorgeschlagen beim Intendanten, und Beelitz hat sofort ja gesagt. Dabei ist es ein heikles Stück, weil man sich nicht leicht von dem Protagonisten abgrenzen kann. Da ist Barbie und hier bin ich. Über weite Strecken ist der Schlächter von Lyon ein netter Plauderer - eben der Opa, der aus dem Krieg heimkehrt, und spannende Geschichten erzählt. Wir müssen auf der Hut sein, dass von dieser Art nicht zu viele entstehen - die Zeiten sind danach!

Quelle: RP
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