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Düsseldorf
Lyrik für Gewinner

Düsseldorf. Große Heiterkeit und viel Applaus: Marion Poschmann las beim Poesiefest im Heine Haus. Von Claus Clemens

Ein Poesiefest auf der Bolkerstraße? Geradezu umgehauen hat es den Lyriker Nico Bleutge, als er zwischen dem lautstarken Freitagabendgetümmel den Eingang zum Heine-Haus suchte. Doch dann, mit dem Eintritt bei Müller & Böhm, durchbrach der in Berlin lebende 45-Jährige die Schallmauer. Drinnen herrschte die Stille, wie man sie für Dichterlesungen wünscht. Im schönen Lesesaal hätte man das Fallen einer Stecknadel als Störung empfunden. Am Samstagabend durfte immerhin gelacht werden, sehr viel sogar, aber nie lärmend. Am Sonntag dann Umkehrung der Verhältnisse. Um die Mittagszeit zeigte sich die Amüsiermeile eher öde, während in der Buchhandlung eine junge Dichterin gefeiert wurde. Zum Gespräch mit Bleutge war aus Frankfurt der FAZ-Redakteur Hubert Spiegel angereist. Er verantwortet bei seiner Zeitung die Poetikseite "Frankfurter Anthologie" und bekannte im Heine-Haus: "Ich finde es schwer, über Lyrik zu schreiben." Dass er mit dieser Schwierigkeit gut zurechtkommt, belegt der Alfred-Kerr-Preis, den er 2005 vor allem für seine Lyrik-Rezensionen erhielt. Auch Nico Bleutge ist Alfred-Kerr-Preisträger, das heißt, er ist zugleich Lyriker und Kritiker seiner dichtenden Kollegen. So wurde das Gespräch über Bleutges vierten Lyrikband "Nachts leuchten die Schiffe" auch zu einer Grundsatzbestimmung von Poesie in der literarischen Welt. Spiegel nannte Bleutges Buch "einen unheimlich dichten, sprachlich virtuosen Lyrikband, der viele Rätsel aufgibt, viel Schönheit in sich birgt und dazu einlädt, Worte zu entdecken."

Weniger schwer hatte es Rudolf Müller mit Marion Poschmann und ihrer neuen Publikation "Geliehene Landschaften". Die diesjährige Preisträgerin des Düsseldorfer Literaturpreises steht aktuell mit ihrem Roman "Die Kieferninseln" auf der Shortlist des Frankfurter Buchpreises. Vor Kurzem hat sie auch noch den zum ersten Mal vergebenen Preis für "Nature Writing" bekommen, der mit einem Aufenthalt im Sommerhaus der Honeckers auf der Insel Vilm verbunden war. Eine Vielgeehrte also, die 1969 geborene Essenerin. Trotzdem eher zurückhaltend, sehr sympathisch. Poschmann las aus ihrem Lyrikband und sprach mit Müller darüber, wie sehr die Gedichte und auch ihr Roman von mehreren Reisen nach Japan inspiriert wurde.

Völlig anders der Auftritt von Raoul Schrott am Samstag. Ein Siegertyp, zu Recht. Denn gerade hat er ein 850-Seiten-Buch veröffentlicht, dass sich trotz der Kiloschwere bereits 26.000 mal verkaufte. "Erste Erde. Epos" ist so etwas wie der Urknall der Literatur, und der 53-jährige Tiroler sein bester Propagandist. Statt einer Lesung erlebte man einen überaus talentierten Erzähler, der sein Publikum erst zum Glucksen, dann zu lautem Lachen brachte, sehr spannend und ohne jemals auf ein Blatt zu schauen. Schrotts Fazit nach sieben Jahren Arbeit an diesem Buch: "Das Universum ist die poetischste aller Poesien." In sieben Kapiteln, wie in der Genesis, lässt der Autor den Kosmos entstehen, von den ersten Energieschwaden bis in die heutige Zeit. Schrott war der Beifall-Sieger des Poesiefests.

Als dessen eigentlichen Höhepunkt verlieh das Heine-Haus am Sonntagmittag den "PoesieDebütpreis Düsseldorf". Die Landeshauptstadt stellt hierfür ein Preisgeld von 5000 Euro bereit. Diesjährige Preisträgerin ist die 33-jährige Maren Kames. Sie stammt aus Überlingen am Bodensee und lebt jetzt in Berlin. Ihr erster Gedichtband "Halb Taube halb Pfau" begeisterte die Jury: "Mit ihrem Debüt erweist sich Maren Kames als neue poetische Stimme eigener Prägung, die Präzision und Lust am Sprachspiel zu verbinden weiß."

Quelle: RP
 
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