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Düsseldorf
Mädchen mit Löwenherz

Düsseldorf. Das Bühnenstück "Obisike" am Jungen Schauspielhaus stärkt die Rolle der Frau und verbindet Schwarz und Weiß. Von Claus Clemens

Erst am Ende der einstündigen Premiere von "Obisike" im Jungen Schauspielhaus wird klar, was das nigerianische Wort auf der Bühne darstellt. Weitaus deutlicher gibt sich der Untertitel: "Das Herz einer Löwin". Denn in dem rasant erzählten Geschehen haben sich zwei Mütter und ihre Töchter mit wahren Löwenherzen gegen eine kafkaesk anmutende Männerwelt durchgesetzt. Und nebenbei allerlei Ressentiments im Novemberwind davon wehen lassen.

Das Stück beginnt mit einer starken Eingangsszene: Eine Afrikanerin (Ijeoma Joy Olivia Johnbull) und eine Weiße (Maria Perlick) haben sich mit ihren Töchtern auf den Weg zu einer unsichtbar-mächtigen Behörde gemacht. Man will sich beschweren, doch für den Erhalt des entsprechenden Formulars sind vorher schier endlose Formulare erforderlich. Im Hintergrund lächelt als Emoticon ein bissiger böser Bube, ein handgemalter Zähnefletscher.

Die wachsende Frustration macht beide Mütter wütend, aber für Gemeinsamkeit im Ärger ist es noch zu früh. Schließlich trägt man ja auf beiden Seiten ein koloniales Über- beziehungsweise Unterlegenheits-Tattoo, als Hautfarbe eingebrannt für immer. Die Folge ist, dass man keift und keilt, stubst und grollt, sich gar am Kind der anderen vergreift.

Der Ursprung der internationalen Produktion "Obisike" geht zurück auf Begegnungen von Theaterleuten bei Festivals an verschiedenen Orten der Welt. Dabei tauschten sich Pamela Udoka vom National Theatre Nigeria, Stefan Fischer-Fels vom Jungen Schauspielhaus und der Belgier Gregory Cares über starke Frauenfiguren in den nationalen Mythen aus. Projekte wurden angedacht - und eines davon jetzt auf der Münsterstraße in Düsseldorf realisiert.

Auf die anfänglich überdeutlich demonstrierte Berührungsangst folgt gemeinsamer Widerstand gegen "die von oben". In der Regie von Gregory Caers und choreographisch betreut von Ives Thuwis wirbeln die vier Personen mit schier unglaublicher Energie auf der Studiofläche umher. Es ist gerade die Stärke dieses kleinen Bühnenstücks, beinahe alles Gedankliche in körperliche Energie zu verwandeln. Synchron ermüden die Darsteller auf ihrem mühsamen Weg durch den Behördendschungel, synchron raffen sie sich auf und entwickeln erste kleine Zeichen des Widerstands. Und immer wieder wird getanzt, mit Musik aus beiden Welten.

Erst nach einer ganzen Weile gibt es Text, im Wechsel von Englisch und Deutsch. Erzählt werden die Geschichten zweier Töchter, die für die Welt ihrer Väter geopfert wurden. In Europa ist es die Griechin Iphigenie. Man versprach ihr die Hochzeit und schlachtete sie dann hin für Segelwind. In Afrika war die Königin Moremi eine liebevolle Yoruba-Mutter. Auch sie musste ihre Tochter den Göttern hingeben. Wenn dann auf der Bühne weiße und schwarze Hände ineinandergreifen, hätte man Lust zu erfahren, was die jungen Zuschauer in diesem Augenblick empfinden. Dem Erwachsenen kommt der Song von Paul McCartney und Stevie Wonder über "Ebony and Ivory" in den Sinn, die zumindest auf dem Piano in perfekter Harmonie zusammenleben.

"Wir bringen Mädchen bei, sich einzuschränken und sich klein zu machen. Wir sagen zu Mädchen, du kannst ehrgeizig sein, aber nicht zu sehr. Du solltest anstreben, Erfolg zu haben, aber nicht zu viel. Du könntest sonst Männer einschüchtern." So heißt es im Programmheft, das von der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie geschrieben wurde.

In der Gegenwehr zu dieser männlich dominierten Anpassungsregel ist wohl der Sinn von "Obisike" zu suchen. Es beschreibt jemanden, der ungewöhnlichen Mut beweist, instinktiv nach Gerechtigkeit sucht und für Gleichheit kämpft. Die mitreißende Inszenierung im Jungen Schauspielhaus für ein Publikum ab zehn Jahren besetzt die Rollen der Töchter im Wechsel mit Mädchen aus Düsseldorf.

Quelle: RP
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