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Jean Michel Jarre in Düsseldorf
Mechaniker des Klangs

Jean Michel Jarre in Düsseldorf: Mechaniker des Klangs
Der französische Elektro-Pionier ist in diesem Jahr auf Welttournee. FOTO: dpa
Düsseldorf. Jean Michel Jarre inszenierte im ISS Dome mit pompösen Mitteln seine Musikwelten. Der Franzose gilt als Vorreiter der elektronischen Tanzmusik. Von Simon Langemann

Riesige Mehrzweckhallen wie der ISS Dome tragen meist wenig zur Konzertvorfreude bei. Zu oft leidet die Klangqualität unter der komplizierten Akustik. Zu schwer lässt sich die Mimik eines viele Meter weit entfernten Künstlers lesen. Der Musik von Jean-Michel Jarre hingegen stünde wohl kein Düsseldorfer Veranstaltungsort besser zu Gesicht als das Eishockeystadion in Rath mit seiner futuristischen Fassade und dem unterkühlt schlichten Innenleben. Der Franzose gilt als Vorreiter der elektronischen Tanzmusik. Seine Stücke sind Klang gewordenes Industriedesign. Selbst wenn der 68-Jährige zum freien Keyboardsolo ansetzt, klingt es, als stünde da ein Improvisationsroboter hinterm Synthesizer. Das ist sein Stil, damit ist er weltberühmt geworden.

Beim Auftritt in Düsseldorf am Samstagabend, gleichzeitig Abschlusskonzert der "Electri_City Conference 2016", gleicht schon das Intro einem Machtgestus. Ein Sub-Bass lässt den Dome in seinen Grundfesten zittern, als wolle der 68-Jährige klarstellen: Bevor ich jemals in kleineren Hallen als dieser spiele, lasse ich es lieber ganz bleiben.

Sekunden später betritt Jarre die Bühne. Neutral in schwarz gekleidet, flankiert von einem Elektrodrummer und einem Keyboarder, umgeben von weit in die Höhe ragenden LED-Wänden.

Unerklärlich erscheint nur, warum der Franzose mittlerweile überwiegend in bestuhlten Sälen spielt. Selbst wenn der auf diese Art gut gefüllte Innenraum dann nur halb voll wäre - deutlich ekstatischer verhielte sich die zunächst stillsitzende, von leuchtenden Smartphone-Displays übersäte Menge allemal. Egal kann es dem Altmeister nicht sein, weicht er doch immer wieder von seiner Klaviatur zurück, um in die Rolle des Publikumsanheizers zu schlüpfen. Auf Gegenliebe stößt er erst, als er an vierter Stelle den Hit "Oxygenè, Pt. 2" von 1976 anstimmt.

Es folgt der völlige Kontrast, ein zeitgeistiges House-Stück namens "Circus", das Jarre für sein jüngstes Album "Electronica 2: The Heart Of Noise" mit dem Berliner Produzenten Siriusmo produzierte. Wenig später erklingen im ebenfalls aktuellen "Brick England" die Pet Shop Boys. Für "The Time Machine" von 2015 holt Jarre die legendäre Laserharfe hervor, bei der die Tonerzeugung durch Unterbrechung der aufgefächerten Strahlen erfolgt.

Gegen Ende gewährt er obendrein einen Blick in die Zukunft: Der besagte Meilenstein "Oxygène" feiert im nächsten Jahr sein 40-jähriges Jubiläum, doch schon jetzt präsentiert Jarre sein Geschenk an sich selbst, die Neukomposition "Oxygène 17".

Doch diese gerät verhältnismäßig unspektakulär, verglichen zu jenem Moment, als sich die LED-Streifen in Richtung Bühnenmitte bewegen, um sich vor Jarre zu einer riesigen Leinwand zusammenzufügen. Plötzlich blickt einen dieses für jedermann vertraute Gesicht an. Es ist der US-amerikanische Whistleblower Edward Snowden, der die Welt vor drei Jahren in ungeahnte Geheimdienstpraxen einweihte.

"Wo liegt der Unterschied zwischen privaten Details, die wir online übermitteln und auf unseren Geräten speichern, und den privaten Aufzeichnungen in unseren persönlichen Tagebüchern?", lautet die zentrale Frage des Stückes "Exit", für das Jarre den ehemaligen CIA-Mitarbeiter im russischen Exil besuchte. "Dieses Prinzip ist zutiefst unsozial, schließlich sind Rechte nicht nur individuell, sie sind kollektiv", fährt Snowden fort, mündend in die mehrfach wiederholte Frage: "Wenn ihr nicht dafür einsteht - wer sonst?"

Es ist der inhaltlich ergiebigste Augenblick des Abends. Allein ihn zu verinnerlichen, fällt im Angesicht der Reizüberflutung schwer. Jarres monströse Klangwelten wirken bisweilen unterhaltsam, auf Dauer aber auch erschöpfend - und die visuelle Ausgestaltung mitunter so bunt und kitschig, dass man seinen Blick lieber über die tanzenden und taumelnden Nostalgiker schweifen lässt.

Quelle: RP
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