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Düsseldorf
Nackt zu sein, ist noch keine Kunst

Nackt-Künstlerin Milo Moiré in Düsseldorf
Nackt-Künstlerin Milo Moiré in Düsseldorf FOTO: Schaller,Bernd
Düsseldorf. Erst ein künstlerisches Konzept beglaubigt Nacktheit als Mittel. Daran hapert es bei den meisten hüllenlosen Aktionen. Von Bertram Müller

"Künstler" ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Deshalb darf sich auch die Schweizerin Milo Moiré, Jahrgang 1983, als Künstlerin bezeichnen. Am Wochenende setzte sie die Reihe ihrer Nacktauftritte in ihrer Wahlheimat Düsseldorf fort - am vielbesuchten Burgplatz.

2006: Tunicks 200 Nackte in Düsseldorf FOTO: AP

Ist das Kunst, oder ist das bloß Erregung öffentlichen Ärgernisses? Regelmäßig muss sich die geplagte Polizei mit dieser Frage befassen. In Düsseldorf reagierten die Passanten gelassen. Deshalb begnügten sich die Polizisten damit, die Personalien der selbst ernannten Performancekünstlerin aufzunehmen. Doch selbst wenn solch eine Aktion keine Erregung öffentlichen Ärgernisses ist, dann ist sie noch lange nicht Kunst.

Nach allem, was sich über Milo Moiré in Erfahrung bringen lässt, geht es ihr vor allem darum, bekannt zu werden. Ihr künstlerisches Konzept, wenn sie denn eins hat, erscheint diffus: Ihr Pseudonym bezieht sich ihrer eigenen Aussage zufolge auf den Moiré-Effekt, der durch die Überlagerung gerasterter Bilder entsteht. Und ihre Absicht ist es, "kulturell eng gerasterte Muster kollidieren zu lassen, um eine neue Struktur zu gewinnen". Das ist ein bisschen dünn und reicht offenkundig gerade dazu, unbekleidet in der Öffentlichkeit ein paar Blicke auf sich zu ziehen.

Tunick schwimmt im Toten Meer FOTO: dpa, Abir Sultan

Auch der amerikanische Fotograf Spencer Tunick hat Düsseldorf bereits mit nackter Haut konfrontiert, allerdings nicht am Rheinufer, sondern im Schutz des Ehrenhofs und zusätzlich im Rubenssaal des Museums Kunstpalast. Auch damals schon, im August 2006, war Nacktheit in der Öffentlichkeit kein Thema mehr, das das Volk auf die Barrikaden getrieben hätte. Doch es regte sich schon noch Unmut. Anders als Milo Moiré aber ist Spencer Tunick in der Kunst eine Marke. Durch mehr als 65 "Körperinstallationen" ist er weltweit bekannt geworden. In Düsseldorf hatte er drei solcher Installationen aus je rund 850 Nackten komponiert, dazu eine mit 50 Personen im Rubenssaal. Tunick betrachtet die Fotografien, die dabei entstehen, nicht als Aktfotos, sondern als Landschaftsskulpturen. Damit bettet er sie in einen kunsthistorischen Zusammenhang - und musste dennoch die Kritik einstecken, dass seine einzige künstlerische Idee "monomanische Beharrlichkeit" sei.

Da hatte es die Amerikanerin Charlotte Moorman (1933-1991) leichter. Als sie ihre Nacktperformances darbot, war Nacktheit in der Öffentlichkeit noch ein größeres Tabu als heute, im Zeitalter der frei verfügbaren Bilder aus dem Internet. Als die ausgebildete Musikerin Charlotte Moorman nackt Cello spielte, galt das als Skandal. Es war die Zeit, als es noch wichtig war, der Kunst neue Räume zu eröffnen und damit der Gesellschaft zu einem Stück bis dahin ungekannter Freiheit zu verhelfen. Damals war "oben ohne" Avantgarde.

Heute muss ein Künstler, eine Künstlerin schon gute Gründe beibringen, um sich oder andere nackt in Szene zu setzen. Spencer Tunick gab vor vier Jahren immerhin ein umweltpolitisches Ziel an: Als er für eine fotografische Aktion 1200 Nackte am Ufer des Toten Meeres in Israel postierte, wollte er damit auf die Gefahr hinweisen, dass der See auszutrocknen droht. "Nacktes Meer" hieß das Spektakel. Bei Milo Moiré reichte es gerade zu einem Nackt-Selfie.

Quelle: RP
 
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