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Düsseldorf
Mirós Hang zu schönen Schriften

Düsseldorf. Unter dem Titel "Malerei als Poesie" lädt die Düsseldorfer Kunstsammlung NRW zu einer zauberhaften Ausstellung ein. Von Bertram Müller

Joan Miró mochte Zeichen. Der 1893 in Barcelona geborene, als 90-Jähriger in Palma de Mallorca gestorbene Lieblingsmaler ungezählter Kunst- und Posterfreunde hatte sich ein großes Reservoire erdacht: Leiter, Auge, Kopffüßler und männlichen Samen, Stern, Mond, Wolke - Schnecken noch und noch. Und er mochte als Sonderfall des Zeichens Schriften aller Art: fernöstliche Kalligraphie besonders, Handschriften, Typographie, Bücher und das Zusammenspiel von Kunst und Literatur. Davon erzählt jetzt eine Ausstellung in der Düsseldorfer Kunstsammlung NRW: "Miró. Malerei als Poesie", wahlweise ein sommerliches Sehvergnügen oder ein Parcours mit Tiefgang, in beiden Fällen ein anregender Weg durch sämtliche Phasen des katalanischen Künstlers.

Miró gilt heute als Klassiker der Moderne, erhaben und ein wenig entrückt. Als gestern sein 46-jähriger, fast namensgleicher Enkel Joan Punyet Miró zwischen den Bildern seines Großvaters in Erinnerungen schwelgte, glaubte man dem Klassiker des 20. Jahrhunderts auf einmal ganz nahe zu sein. Der Kunsthistoriker Miró junior erzählte, dass seine Großeltern daheim in der Bibliothek immer die Vorhänge geschlossen hielten, damit die Bücher keinen Schaden nähmen.

In Düsseldorf hat er diese Bücher wieder vor Augen, denn die Kunstsammlung hat etliche Werke aus der damaligen Hausbibliothek im Internet nachgekauft, damit die Besucher sie selbst zur Hand nehmen können. Da zeigt sich dann, dass Miró nicht nur Dostojewski las (auf Deutsch!), sondern auch Edgar Wallace.

Besonders ein Hocker mit Schmetterlingsmotiv hat es dem Enkel in der Ausstellung angetan. Das Möbelstück ist neben dem Akt "Frau mit Spiegel" von 1919 platziert und befand sich auch dann noch in Mirós Atelier, als der Enkel dort ein- und ausging und sich darauf niederließ. Ein- bis zweimal pro Woche, so schilderte Joan junior, besuchte er den Großvater. Er empfand ihn als "charming", aber auch als still und distanziert. Oft habe der Künstler Träume in seine Bilder einfließen lassen. Und Miró hatte stets ein offenes Ohr für Musik. Das sagt nicht nur der Enkel, das sagen auch seine Bilder.

Miró war mit John Cage befreundet, er mochte Jazz, allerdings spielte er selbst kein Instrument und sang auch nicht. In seinen Bildern drückte er Musik vor allem in optischen Rhythmen aus; zum Beispiel im surrealistischen Gemälde "Rhythmische Figuren" von 1934 aus dem Besitz der Kunstsammlung NRW.

Der Titel der Düsseldorfer Ausstellung klingt, als gehe es um einen Spezialaspekt in Mirós Werk. In Wirklichkeit aber steht der Aspekt der Poesie, des Schrift-Zeichens im Mittelpunkt des Schaffens. Und da die Schau ihr Thema von 1917 bis in die 80er Jahre verfolgt, hat man am Ende eine Retrospektive abgeschritten. Sie beginnt im "Klee-Saal" mit jenem weiblichen Akt auf Hocker und breitet recht ausführlich das Frühwerk aus. Schon aus dem Gemälde "Nord-Süd" von 1917 sticht ein Buch hervor - mit der Aufschrift "Goethe". "Sterne im Geschlecht von Schnecken" läuft als schwarzes handschriftliches "Bild-Gedicht" durch das gleichnamige Bild von 1925.

Acht Jahre später verdunkelte sich Mirós Palette und bezog zugleich schrille Töne ein. Das Zeitalter der Diktaturen warf bedrohliche Schatten, die bis ins Spätwerk reichen. Doch zunächst unterbricht die Ausstellung ihre chronologische Folge und versammelt Mirós Malerbücher aus den Jahren 1928 bis 1983 in derjenigen Abteilung, in der man dem Poesie-Künstler am nächsten kommt. Da findet man Texte des Dadaisten Tristan Tzara neben breit gepinselten Zeichen von Joan Miró, Mirósche Schlangen am Rande zur Abstraktion neben Texten, die der Autor René Char 1954 unter dem Titel "Der Schlange zum Wohl" versammelte. Zu den schönsten Werken zählt jener sich über eine Wand windende Fries, den Miró 1947 für die internationale Surrealisten-Ausstellung in der Pariser Galerie Maeght entwarf.

In der "Grabbe-Halle" der Kunstsammlung springt die Schau in die 60er und 70er Jahre. Sterne, Mond und Wolken bestimmen auch dort das Bild von Mirós Schaffen. Manche Leinwand wird von Schwarz beherrscht, in anderen Bildern dient Schwarz lediglich als Kontrast zu hellen Rot- und Orangetönen.

Vor dem Spanischen Bürgerkrieg war Miró nach Paris geflohen. Als dort die Deutschen einfielen, kehrte er zurück in seine Heimat, 1956 verlegte er seinen festen Wohnsitz nach Mallorca, machte aber aus seinem Widerstand gegen Franco keinen Hehl. In seinen Bildern nahm er unverkennbar Stellung.

Durch sein Spätwerk schimmern noch die dunklen Jahre der Vergangenheit, doch insgesamt scheinen sich Sterne, Mond und Wolken am Ende zu einem Lob der Schöpfung zu vereinen, zu einem Kosmos, in den die Betrachter ihr eigenes Schicksal deuten können. So wird die Düsseldorfer Schau auch diejenigen für Miró begeistern, die glauben, sie hätten sich an ihm längst sattgesehen.

Quelle: RP
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