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Düsseldorf
Mit 89 Jahren vor die Kamera

Düsseldorf. Helga Jüttner ist die älteste Teilnehmerin des Projekts "Und raus bist Du", bei dem Düsseldorfer mehrerer Generationen gemeinsam einen Film drehen. In der Kooperation von FFT, Zakk und Diakonie geht es um das Gefühl, fremd zu sein. Von Klas Libuda

Die Balkonszene spielen sie heute drinnen, denn sie sind noch nicht auf Helgas Balkon. Ansage der Regisseurin: "Helga, diese Szene bleibt stumm!" Helga nickt. "Jawohl." Sie nickt noch mal und lächelt. "Die Kommunikation läuft nur über die Blicke", erklärt Regisseurin Marlin de Haan, "und stumm heißt stumm." Kamera läuft. Ton läuft. Helga schüttelt den Kopf, hält sich die Hand vor den Mund und schweigt.

Helga Jüttner ist 89 Jahre alt und Teil eines Ensembles, das dieser Tage einen Film in Düsseldorf dreht. "Und raus bist Du" heißt das Projekt von FFT, Zakk und der Migrationsberatung der Diakonie, in dem Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, junge, ältere und alte, gemeinsam proben und drehen. Unter professioneller Regie und mit technischer Anleitung machen die 20 Teilnehmer alles selbst. Den Ton, die Kamera, die Filmmusik und natürlich spielen sie auch.

Helga Jüttner spielt eine Dame, die Gäste einlädt, die einander nicht grün sind. Weiter ist die Rolle noch nicht entwickelt. Sie proben das im FFT. "Ihr kennt euch, aber habt euch nichts zu sagen", erklärt Marlin de Haan. Der Rest ist Improvisation. Später werden sie die Szene am Originalschauplatz drehen. Auf Helga Jüttners Balkon.

Jüttner ist die älteste Teilnehmerin, die jüngste ist gerade mal zwölf. Dennoch funktioniere die Zusammenarbeit bestens, sagt Helga Jüttner. Es käme ja gar nicht so sehr aufs Alter an, sondern darauf, ob sie miteinander könnten. Und in der Gruppe klappe das, "Gott sei Dank, prima", sagt sie.

Beim Schauspielen spiele das Alter keine Rolle, sagt Monika Hörmandinger, "wer da zusammenkommt - das passt." Hörmandinger ist 68 und steht eigentlich beim Düsseldorfer Seniorentheater auf der Bühne. Weil sie allerdings schon "beim Katzelmacher", so sagt sie, dem Stück von Rainer-Werner Fassbinder mitspielt, das am 14. Oktober Premiere feiert, habe sie sich entschieden, nun einmal hinter der Kamera zu stehen. Sie ist für den Ton verantwortlich, auch wenn sie davon Anfang der Woche noch keine Ahnung hatte. "Es ist super", sagt sie. "Du bist mittendrin, aber hast alles im Griff."

"Und raus bist Du" verhandelt das Fremdfühlen, fremd sein und die Begegnung mit Fremden. Die Entwicklung der Workshop-Gruppe sei letztlich Teil des Films, sagt Regisseurin de Haan. Die kurzen Episoden werden später zu einem Kurzfilm zusammengeschnitten. Der Filmtitel steht noch nicht fest.

Zumeist werden an diesem Nachmittag Szenen geprobt, die später in Helga Jüttners Wohnung spielen. Auf dem Balkon und im Schlafzimmer wird geschwiegen, im Wohnzimmer geplaudert, Pflaumenkuchen gegessen und Kaffee getrunken. Im FFT stellen sie das pantomimisch nach. Tassilo Schaffner schiebt sich mit der Luftgabel noch ein Stück Luftkuchen in den Mund und erzählt: Vor allem sei dieser Workshop lehrreich, weil die Teilnehmer ja ganz andere Erfahrungen in ihrem Leben gesammelt hätten. "Die lernen von uns und wir von denen", sagt der 17-Jährige.

Das sieht Uwe Bähr genau so. "Ich mache das für mich, um mich weiterzubilden", sagt der 76-Jährige. Bähr gehört eigentlich zum Ensemble des Sockentheaters, seine liebste Rolle ist die des Barons Münchhausen. Bei "Und raus bist du" ist Bähr der Kameramann, das habe sich aus dem Vorläufer-Projekt im vergangenen Herbst im Zakk ergeben, sagt er. "Eigentlich wollte ich in die Tanz-Gruppe, aber bin dann beim Video hängengeblieben."

Die Klappe fällt. "Kamera läuft", sagt Bähr. "Ton läuft", sagt Monika Hörmandinger. Sie spielen eine Wohnzimmerszene. Helga Jüttner darf sprechen.

Quelle: RP
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