| 00.00 Uhr

Düsseldorf
Nachts im Museum

Düsseldorf: Nachts im Museum
Kurz vor halb vier, nachts im NRW-Forum: Unser Autor wollte eigentlich vor Kathryn Flemings Tierpräparat-Serie "Endless Form/Endless" zur Ruhe kommen, aber da brummte eine Soundinstallation. Er schlief dann zwischen zwei Iglus. FOTO: Jan Holtmann
Düsseldorf. Was passiert in einem Museum, wenn es längst geschlossen ist. Unser Autor wollte im NRW-Forum übernachten, fand aber wenig Schlaf. Von Klas Libuda

Das Licht macht keiner aus. Das Licht bleibt die ganze Nacht an. Das war ja, was mich vorher ganz besonders umgetrieben hat: Wo macht man im Museum eigentlich das Licht aus?

Zuhause ist das einfach, der Lichtschalter ist rechts neben der Schlafzimmertür. Gerade nah genug, um mit den Fingerspitzen dranzukommen, wenn es gar nicht mehr geht, wenn die Augen zufallen und am nächsten Morgen nicht mehr klar ist, worum es zuletzt in der Bettlektüre ging. Aber hier, zweiter Raum, letzte Ecke, zwischen einer Iglu-Installation aus Alu und einer aus durchsichtiger Folie gibt es keinen Schalter. "UUUUU(TOPIA)" heißt die Landschaft, in der ich mein Nachtlager aufgeschlagen habe. In Utopia ist immer Dämmerlicht.

Die Hamburger Künstler Jan Holtmann und Armin Chodzinski hatten dazu eingeladen, eine Nacht im NRW-Forum zu bleiben. Das ist Teil der "Planet B"-Ausstellung, die zurzeit im Haus zu sehen ist. Fünf Nächte lang wollen sie die Ausstellungsräume bespielen, für jede Nacht haben sie Gäste eingeladen. Es gibt ein Logbuch, ein Filmset, eine Näh- und eine Schreibmaschine - aber das alles wird keine Rolle spielen. Die Künstler nennen das "Expedition", sie wollen "Spuren in der Nacht" hinterlassen - war angekündigt. Die Spuren dieser Nacht werden dann aber vor allem dunkle Augenringe und geleerte Weinflaschen sein.

Überhaupt ist es das Allerschönste, nachts mit einem Weißwein vor der Tür des NRW-Forums zu stehen, mit den Rauchern eine Zigarettenpause einzulegen und schließlich das halb volle Gläschen reinzutragen, mitten in die Ausstellungsräume, darf man ja sonst nie. Es wird sogar gekocht. Zwischen der Zeitreise-Installation von Hörner/Antlfinger, Eric Winklers Polizeiuniform-Entwürfen und dem Raumschiff vom Labor Fou gibt es Nudeln mit Gemüse und Tomatensalat, ab halb eins auch Doppelkekse.

"Planet B" fragt nach Zukunftsentwürfen, Ideen für eine neue Welt sollen entwickelt und gesammelt werden, und pünktlich um 19.30 Uhr fällt die Tür ins Schloss, es sind jetzt alle da, und alles ist offen. Fast alles, ein paar Türen sind gesichert. "Alles, was blinkt" sowie die Türen an den Notausgängen sollen bitte nicht geöffnet werden, sagt Jan Holtmann, denn dann käme die Polizei. Und das erklär dann mal: Warum du bitteschön am späten Abend durch den Keller eines Ausstellungshauses schleichst.

Alain Bieber, der seit einem Jahr das NRW-Forum am Ehrenhof leitet, hat Holtmann und Chodzinski eingeladen, ihr Konzept der langen Nacht hat ihm sicher gut in den Kram gepasst. Denn Bieber hat zuletzt viele Formate ausprobiert, er hat versucht, das Haus kräftig herauszuputzen, aber was man jetzt bemerkt: Hinter den glänzenden Fassaden herrscht immer noch der alte Muff. In den Treppenhäusern und im Keller müsste dringend mal gelüftet werden, und nach ein paar Türen steht irgendwo ein schönes, aber leider ramponiertes Kanapee herum - müsste wohl mal wer den Sperrmüll rufen.

Oben wird an einem Pressholztisch gesprochen, eigentlich geht es um Utopien, aber alles andere ist auch interessant. Ein Professor aus Bern ist gekommen, eine ehemalige Grünen-Politikerin, ein Musiker und eine Filmemacherin, eine Kirchenfunktionärin und ein Züricher Kunstkenner. Als die Grüne meint, das, was "Trolle", also Provokateure im Internet, ablassen, sei vielleicht ja Dadaismus, sagt der Züricher nur "langsam, langsam". Es wird ein Lied der Band Blumfeld gehört, das heißt "Kommst du mit in den Alltag", aber davon ist dieser Ort heute Nacht weit entfernt. Das sei hier wie in der "Ocean's"-Filmreihe, in der zwei Handvoll Diebstahl-Spezialisten Tresore knacken, meint Chodzinski. Nur George Clooney fehlt und zur Tat schreitet auch niemand, weil es so viel gibt, über das es erst nachzudenken gilt. Vielleicht ist das ja auch der Schlüssel - dann muss man nichts aufbrechen.

Jedenfalls ist irgendwann schon drei Uhr durch, und nicht mal alle sieben Gäste wurden vorgestellt. Das sollte eigentlich bis 22 Uhr erledigt sein, sagt Holtmann. Aber so ist es auch gut. Um sieben Uhr soll Schluss sein, um acht kommen die Putzkräfte, also schnell noch ein Plätzchen gesucht. Erst vor Kathryn Flemings Tierpräparaten, aber da gibt es eine Soundinstallation, die brummt, und so richtig schön ist das zum Schlafen auch nicht mit den Tieren. Schließlich in Utopia verkriechen und bis vier nicht einschlafen können, drüben lachen die Wachgebliebenen. Schließlich doch einschlafen, aufwachen, umschauen. Der Professor hat sich fünf Meter weiter zur Ruhe gelegt. Er winkt sprachlos. Noch eine Antwort auf eine andere Frage, die mich umgetrieben hat: Wie schläft's sich in der Kunst? Nicht gut. Nur eine Stunde.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Nachts im Museum


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.