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Neco Çelik
"Der Fanatismus hat keine Religion"

Neco Çelik: "Wir Muslime werden krank im Kopf durch die Taten einzelner"
Neco Çelik ist es leid, gegen Vorurteile ankämpfen zu müssen. FOTO: Frank Dieper
Düsseldorf. Der Düsseldorfer Regisseur Neco Çelik über sein Tanztheaterstück "Basmala", das er ausschließlich mit muslimischen Männern besetzt hat. Von Klas Libuda

Neco Çelik ist gerade erst zurück in Deutschland. Er war in Istanbul, erzählt er, er habe dort ein Stipendium. Nun kommt der gefragte Theatermacher für ein Gastspiel ans Tanzhaus NRW, um das Verhältnis zwischen HipHop und Islam auszuloten.

Wann haben Sie begonnen, dieses Stück zu entwickeln?

Çelik Als ich 2015 mein erstes Tanztheaterstück in Bochum gezeigt habe, hatte Zekai Fenerci vom Renegade-Theater bereits die Idee. Er hat einfach behauptet, dass die Welt sicher daran interessiert wäre, muslimische Männer tanzen zu sehen. Der muslimische Mann war ja immer ein Thema in Europa.

Das war vor den Anschlägen in Paris und der Kölner Silvesternacht. Das Bild vom Islam wandelt sich seitdem ständig.

Çelik Der Diskurs verändert sich ständig und hat teilweise groteske Formen angenommen. Die Silvesternacht in Köln war eine Zäsur, anschließend wurde nur noch auf Grundlage von missratenen Gefühlen argumentiert: Das Abendland geht zugrunde, die deutsche Frau ist verloren - ein Schockzustand. Das war erschreckend und traurig zugleich. Es hat lange gedauert, bis wieder vernünftig diskutiert wurde.

Was bedeutete das für Sie als Theatermacher?

Çelik Die Ereignisse haben uns während der Entwicklung des Stücks teilweise eingeholt. Sowohl durch die Anschläge, als auch durch die Flüchtlingskrise. Plötzlich gingen den Menschen ganz andere Gedanken durch den Kopf, die an uns Muslimen hängen blieben. Jeder war verdächtig, der ein wenig orientalisch aussah. Das klebte an uns und beschmutzte uns. Das im Spiel loszuwerden, ist wichtig.

Sie wollen das im Tanz abschütteln?

Çelik Die Bilder, die an unserem Körper kleben, sind extrem. Das belastet und macht einen zornig. Du musst Stellung beziehen, ob du willst oder nicht. Plötzlich wollen alle Antworten von dir, nur weil du dieses Aussehen hast. Für andere ist das noch schockierender. Wir Künstler haben dafür ja ein Ventil. Die Bühne.

Sie gehörten als Jugendlicher zur legendären Berliner Gang "36 Boys". . .

Çelik . . . ich bin jetzt 44 Jahre, und das hängt mir immer noch nach.

Welche Rolle spielte HipHop für Sie?

Çelik In den 80ern war das ein wichtiger Einschnitt in unseren Leben. Die Alliierten-Kinder hier in Berlin kannten das aus Amerika, und wir haben es bei ihnen abgeschaut. Für uns war das ein großes Glück. Ich wollte erst auch tanzen und breaken, aber das erschien mir dann doch zu mühselig. Ich habe mich dann für Graffiti entschieden, was noch viel mühseliger war.

Spielte der Islam damals auch eine Rolle?

Çelik Gar keine. Die Muslime hier wussten nicht mal, dass sie Muslime sind. Dank der Mehrheitsgesellschaft wurden wir daran erinnert.

Welches Verhältnis hat der HipHop zum Islam?

Çelik Schon in den Anfängen des Rap gab es eine Verbindung. Im Grunde war Muhammad Ali der erste Rapper. Und der war auch schon Moslem. In den USA gibt es inzwischen sehr viele Rapper, die Muslime sind. Sie rappen ganze Textpassagen über den Islam. In Deutschland kommt ja höchstens mal das Wort "Allah" vor.

Der Berliner Rapper Denis Cuspert, der sich Deso Dogg nannte, hat sich sogar der IS-Miliz angeschlossen.

Çelik Auch die Pariser Attentäter kamen aus der HipHop-Kultur.

Ist das ein Zufall?

Çelik Es ist die Ausnahme. Aber wir sehen natürlich auch, wie die ISIS-Leute diese Ästhetik benutzen: vom Auftreten über die Kleidung bis zu den Videoclips.

Eine Gemeinsamkeit zwischen Hip-Hop und Teilen der muslimischen Welt könnte auch sein, dass beides von Männern dominiert wird.

Çelik Ich würde das nicht so pauschalisieren. Wir tun hier in Europa so offen und gleichberechtigt. Aber auch in Deutschland haben die Männer immer noch das Sagen.

Warum lassen auch Sie dann nur Männer tanzen und keine Frauen?

Çelik Muslimische Männer! Das ist sehr wichtig.

In Ordnung. Warum nur muslimische Männer?

Çelik Weil die Vorstellungen über muslimische Männer in unseren Köpfen so krude manifestiert sind. Wir muslimischen Männer merken das jeden Tag, wenn wir Bus oder Bahn fahren. Kaum geht man an einer Frau vorbei, hält sie gleich ihre Tasche fest. Dabei kennt sie mich gar nicht. Die Leute kommen völlig geladen ins Theater, die haben ein gruseliges, orientalisches Märchen im Kopf, das zurzeit auch immer weiter von allen Seiten gefüttert wird. Besonders von Muslimen. Aber auf der Bühne sehen die Zuschauer dann etwas Zartes, Zerbrechliches, Zorniges und wundern sich. Dabei gibt es da eigentlich nichts zum Wundern.

Was muss sich ändern?

Çelik Wir müssen aufhören zu etikettieren. Der Fanatismus hat keine Religion. Das ist pathologisch. Eigentlich müssten wir gebildeten Menschen in Europa das wissen, aber wir werden von unseren Emotionen geleitet. Immer nur Gefühle, Gefühle, Gefühle. Und wenn etwas passiert, beten wir Muslime: Hoffentlich war das kein Moslem. Wir sind auch krank im Kopf geworden. Als ob wir für eine Tat verantwortlich wären, die ein Mensch begangen hat. Trotzdem werden wir verantwortlich gemacht. Dieser Schmerz steckt auch in den Tänzern.

Gab es bei der Konzeption des Stücks Konflikte darüber, wie die Religion zur Schau gestellt werden kann?

Çelik Zwei Monate lang jeden Tag. Bei acht Stunden Probe wurde vier Stunden diskutiert. Haarspaltereien waren das natürlich. Es war schwer, Distanz zu halten, zwischen dem, was man tut, und dem, wer man ist. Hätte ich gesagt: "Tanz den sterbenden Schwan", hätten sie das locker gemacht. Aber wenn du aus dem islamischen Ritual Elemente übernimmst, steht gleich die Frage im Raum: Verarschen wir das gerade? Es gab immer Zweifel.

Bei Ihnen auch?

Çelik Nie. Es steckt eine sehr ernsthafte Haltung hinter dem Stück. Es ist nicht so wie sonst im Theater: Man bezahlt und bekommt etwas aufgeführt. So läuft das nicht. Wir sind gemeinsam in dem Raum. Wir haben eine Verabredung, das Publikum und die Tänzer. Sie gucken uns an und wir sie.

Klas Libuda führte das Gespräch.

Quelle: RP
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