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Gastro-Tipp
Neuer Szeneliebling in Unterbilk

Düsseldorf. Im ehemaligen "Mengwasser" ist jetzt das "Williams" beheimatet. Das Gastropub schafft etwas Seltenes: Es hat echten Metropolen-Charakter. Von Christian Herrendorf

Wer neu in der Düsseldorfer Gastronomieszene ist und auf sich aufmerksam machen möchte, braucht eine gewisse Lautstärke. Für das "Williams" übernehmen die Gäste diese Aufgabe. Wer das Lokal betritt, egal, ob an einem frühen Montag- oder einem späten Freitagabend, wird in doppelter Hinsicht erstaunt über den Geräuschpegel sein. Alle, wirklich alle Gäste reden, dazu läuft noch Musik - und trotzdem wirkt die Atmosphäre angenehm. Denn jeder einzelne Small-Talker klingt entspannt, sieht in seiner Sitzhaltung auch so aus und ist damit eines der Teile, die in der Summe etwas für Düsseldorf Seltenes ergeben: eine Bar, ein Restaurant mit Großstadt-Flair, wie es sie vielfach in Berlin, Hamburg oder Köln gibt, hier in de Landeshauptstadt aber höchstens ein halbes Dutzend Mal.

Das "Williams" ist in den Räumen beheimatet, in denen das "Mengwasser" bekannt geworden ist. Was einst ein Szeneliebling war, hat in den vergangenen Jahren so gar nicht mehr funktioniert. Verschiedene Gastronomen scheiterten an Service, Küche und/oder sich selbst, beinah schien es, als würde sich ein Fluch über das Lokal an der Ecke von Bilker Allee und Friedrichstraße legen. Dann hatte das Team um Daniel Kroschinsky aus der "Beuys Bar" in der Altstadt den Mut, dort noch mehr zu machen, als sehr gute Drinks zu servieren.

Die Basis für seine jetzigen Beliebtheitswerte hat Kroschinsky importiert. Der Mann hat lange in London gelebt und von der Themse seine innenarchitektonischen Vorstellungen mitgebracht. Es ist ihm gelungen, den rohen Charme der Räume zu bewahren und zugleich britisch zu veredeln: mit dunkelgrünen Wänden und rotbraunem, lederbezogenem Mobiliar. Und so chic und bequem wie die Sessel und Sofas ist das ganze "Williams" geworden. In London sagt man Gastropub zu solchen Häusern.

"Bar & Kitchen" steht in dessen Untertitel. Der erste Teil erschließt sich schnell, denn die Wand hinter der Bar ist beeindruckend gut gefüllt mit Flaschen, das Klemmbrett für die Getränke entsprechend hoch mit Blättern bestückt. Die Bewährungsprobe aber steckt im zweiten Teil des Untertitels. Gelingt es, dazu auch das passende Essen zu servieren? Der Blick auf die andere Karte führt zu einer großen Überraschung. So auffällig wie Geräusch- und sonstige Kulisse sind, hätten wir dort experimentelle Küche erwartet, Crossover, Exotik-Zutaten, verrückte Namen. Aber nichts da. Die Karte ist europäisch und vor allem von Unaufgeregtheit geprägt. Zwei jahreszeitlich passende Suppen stehen auf der Karte, drei vertraute Pastagerichte und ein paar Vorspeisen, für deren Zubereitung offensichtlich ausgezeichnete Zutaten (Ziegenkäse, Trüffelbratwurst) eingekauft wurden, die dann aber auch für sich wirken. Gleiches gilt für die Hauptdarsteller. Gute Stücke von Fisch und Fleisch, begleitet von Saucen oder Jus mit Sherry oder Portwein, auf den Punkt gebrachten Gemüsen sowie ein bisschen Gratin oder Püree von der Kartoffel. Handwerklich sind die Gerichte ausgezeichnet gemacht, einzig über die Auslegung des Begriffs "Medium" ließe sich sicher trefflich diskutieren.

Die abschließende Käseplatte beweist allerdings noch einmal das gute Händchen für Zutaten und die Fähigkeit, diese dem Gast im Wortsinne zu kredenzen.

Ein Kritikpunkt zum Schluss: Der Service wirkt verunsichert und scheint es aus diesem Grund mit der Höflichkeit zu übertreiben. An einem solchen Ort mögen wir nicht "die Herrschaften" sein.

Quelle: RP
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