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Düsseldorf
Nobelpreisträgerin feiert die Poesie

Düsseldorf: Nobelpreisträgerin feiert die Poesie
Nobelpreisträgerin Herta Müller war zu Gast im Heine Haus und sprach mit Buchhändler Rudolf Müller über das Schreiben und ihre Jugend in Rumänien. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Beim Poesiefest lasen Lyriker mit großen Namen. Höhepunkt war der Auftritt von Herta Müller gestern Mittag. Von Thomas Hag

Ein faszinierendes Programm hat sie zusammengestellt, Selinde Böhm von der Literaturbuchhandlung Müller & Böhm im Heine Haus. Bekannte und große Namen erhoben ihre Stimmen, mal leise, mal lauter, vom Flüstern bis zum Schrei. Faszinierende drei Tage, eine Werkschau dessen, was Lyrik heute zu leisten vermag, gab es am Wochenende beim Poesiefest.

Büchner-Preisträger Jürgen Beckers' Gedichte wirken zunächst zurückhaltend, fast bedächtig. Aber in seinen "Landschaftserinnerungen" glimmen die Feuer der Geschichte, wird die Gegenwart immer wieder von der Vergangenheit eingeholt.

Anneke Brassinga ist ebenfalls preisgekrönt, die Niederländerin hat in diesem Jahr den wichtigsten Literaturpreis ihres Landes, den P.C. Hooft-Prijs, erhalten. In Deutschland schaut man oft leicht neidisch auf die Nachbarn, bewundert sie ob ihrer Unkonventionalität und ihres schrägen Humors. Anneke Brassinga, die sich auch als Übersetzerin einen Namen gemacht hat - zurzeit nimmt sie sich Jean Paul vor - ist eine Sprachmagierin, spielt mit den Worten, erfindet verblüffende und berührende Bilder.

Auch eine Debütantin kann zwischen den Etablierten überzeugen. Carolin Kallies' erster Band trägt den wunderbaren Titel "Fünf Sinne und nur ein Besteckkasten", und wenn denn ihr Besteck die Worte sind, kann sie trefflich damit umgehen. Oft bildet Gehörtes den Ausgangspunkt ihrer manchmal recht drastischen Zeilen. "Wir schenkten der Bäckersfrau Leber vom Reh", ist so ein Satz.

Dass Lyriker über den Wolken schweben, ist ein Vorurteil, das eine Anthologie über das politische Gedicht, "Niemals eine Atempause", herausgegeben von Joachim Sartorius, hundertfach widerlegt, Wie auf ein Stichwort rezitiert der chinesische Dissident und Flüchtling Liao Yiwu, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Paul Celans "Todesfuge", eines der erschütterndsten Gedichte des 20. Jahrhunderts. Rudolf Müller liest das Original, ruhig und klagend, und was dann folgt, ist nicht weniger als ein Erdbeben. Auf Chinesisch wird daraus eine Wutrede, vom heiseren Flüstern bis zum Schrei. Lyriker Liao Yiwu zieht eine Verbindungslinie zum Massaker auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens in seiner einstigen Heimat. Auch in der fremden Sprache macht die "schwarze Milch" von Celan atemlos.

Am Samstag durften beim Kinderpoesiefest in der Deutschen Oper am Rhein auch ganz junge Dichter ihr Talent erproben. Mit Erfolg, wie einige Zeilen der neunjährigen Magdalena Heil beweisen: "Ich nehm die Wörter mit nach Haus/und denke nach und mache draus/Geschichten und Gedichte."

Was dabei herauskommt, wenn man über die Wörter nachdenkt, bewies zum Abschluss des Poesiefestes die Nobelpreisträgerin Herta Müller im Heine Haus, die aus ihrem Buch "Mein Vaterland war ein Apfelkern" las. Die Besucher saßen dich gedrängt bis zur Eingangstür der Buchhandlung und hörten gebannt zu.

Mit Buchhändler Rudolf Müller sprach sie anschließend über ihr Leben und das Schreiben, über ihre Kindheit im Banat und über die Verhöre der "Securitas" des rumänischen Diktators Ceausescu. "Wenn ich dort wartete, habe ich Gedichte memoriert. Das hat mich an einen anderen Ort versetzt." Und sie sprach über die Macht und Ohnmacht der lyrischen Sprache. Deren Magie sei, "zu trösten ohne zu täuschen", sagte Herta Müller über ihre "Poesie der Einsamkeit".

Quelle: RP
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