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Düsseldorf
NRW auf der Couch

Düsseldorf. Horst Wackerbarth wird mit einer Retrospektive im NRW-Forum geehrt. Gezeigt werden vor allem Fotografien aus seinen Serien mit dem roten Sofa. Dass der 66-Jährige auch ohne Couch kann, erfährt man am Rande. Von Klas Libuda

Rein ins NRW-Forum: Links steht die Couch. Das große rote Sofa, das jeder von den Fotos kennt, auch jene, die mit Horst Wackerbarths Namen nichts anfangen können.

Wackerbarth ist der Typ mit der Couch, wissen alle. Der das Ding durch die ganze Welt schleppen lässt für ein gutes Foto. Nun hat er das Sofa durch NRW gefahren, nach Bornheim-Hersel, nach Paderborn-Senne, auf die Königsallee. "heimat.nrw" heißt die neue Serie des Fotografen, die nun im NRW-Forum zu sehen ist.

Gut die Hälfte der Ausstellungsfläche widmet das Haus den NRW-Bildern Wackerbarths, die andere gehört früheren Arbeiten, auch solchen, die nichts mit dem Sofa zu tun haben. Eine "Retrospektive" nennt das Alain Bieber, Leiter des NRW-Forums, auch wenn der Künstler das gar nicht gerne hören mag. Die Arbeit Wackerbarths ist schließlich noch nicht abgeschlossen. Und gezeigt werden könne zudem nur eine kleine Auswahl aus 40 Jahren Schaffen, sagt Bieber. Zu sehen gibt es dennoch eine Menge, vor allem rot.

Denn die rote Couch ist nun mal die dominierende Konstante in Wackerbarths Arbeit, seit Ende der 70er ist er damit auf Welttournee. Er war in Belgien, Chicago und Wuchang in China, jetzt also Nordrhein-Westfalen, auch anlässlich des 70. Landes-Geburtstags. Das erste Bild darum: britische Soldaten, Truppenübungsplatz Senne, Ostwestfalen-Lippe. Die rote Couch auf dem Panzer, Männer mit Knarren. Die Briten haben NRW schließlich erfunden, das Rheinland mit Westfalen verheiratet. "Am Anfang stehen die Briten", sagt Wackerbarth. Die auswärtigen Streitkräfte fürs Foto zu gewinnen, sei übrigens ein Leichtes gewesen. "Ging von einem auf den anderen Tag", sagt er. "Bei der Bundeswehr hätte das ein Jahr gedauert."

Mit schnellem Schritt huscht der Künstler durch die Hallen, hält hier, mal da, vorm Bild vom "Bundesbüdchen", ein heute verrammeltes Kiosk, da habe Joschka Fischer zu Zeiten der Bonner Republik "Asterix"-Comics gekauft. Nun sitzt der Besitzer auf dem Sofa vorm Kiosk, in der Hand ein Bild aus alten Zeiten. Sieht traurig aus, der Mann, ein bisschen stolz aber auch. Wackerbarth will zeigen, wie sich die Welt weiterdreht, auch NRW. Er hat die Couch ins letzte Bergwerk, Prosper-Haniel, geschleppt, eine hinduistische Familie zwischen Kraftwerk, Schlachthof und Autobahn 2 gesetzt und eine Studentin mit Nikab vorm Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Porta Westfalica fotografiert. Ob er keine Deutsche nehmen könne, hätten Passanten gefragt, erzählt er. "Ey, das ist 'ne Deutsche", habe er gesagt.

Wackerbarth kennt viele solcher Geschichten, zur Ausstellung gibt es sie als Audioguide zu hören. Darauf pflegt Wackerbarth den schönen kumpeligen Ton, den auch andere Zeitgenossen drauf haben, die ab den 60ern sozialisiert wurden. Er sagt, "Hey Leute, hier geht's weiter", und man folgt ihm in den zweiten Ausstellungsraum, dahin, wo es um die Vergangenheit geht.

Alte Werbefotos, ein Nacktbild seiner Mutter, eine Reihe Polaroids, die ein Kioskbesitzer in seinem Auftrag gemacht hat, zeigt er dort. "Wir wollten andere Menschen zu Produzenten machen", sagt Wackerbarth und den tonnenschweren Satz: "Daran haben wir halt geglaubt." Das waren seine Anfänge, und es ist spannend zu sehen, was der andere Wackerbarth so gemacht hat. Weil dieser Teil der Schau allerdings kleiner ausfällt - logisch, seit Jahrzehnten ist er schließlich mit der Couch unterwegs -, wird einem das Dilemma bewusst. Es geht ihm vielleicht so wie Günther Uecker, er ist festgenagelt. Auf die Couch. Das habe Vor- und Nachteile, sagt der Künstler. Es gibt den Wiedererkennungswert, das ist das eine. Seine anderen Arbeiten indes verschwinden hinter der Couch; sie würden weniger wahrgenommen, sagt er. Das ist das andere. Er hätte nun den Raum gehabt, sie auszubreiten, entschied sich allerdings anders, weil er seiner NRW-Serie noch etwas gegenüberstellen wollte. So geht man weiter, um die nächste Ecke. Dort sind wieder Sofas. Diesmal die aus aller Welt.

Quelle: RP
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