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Düsseldorf
NSU-Doku heute im Central

Düsseldorf. Acht Schauspieler bringen die Protokolle zum Prozess auf die Theaterbühne.

Beim Lesen der NSU-Protokolle aus dem Münchner Gerichtssaal und dem Begreifen ihrer verstörenden Gesamtheit habe er ganz schön schlucken müssen, sagt Oliver Held. Schnell war ihm klar: "Da tut sich eine unfassbare Welt auf. Diese Dokumente gehören auf die Bühne." Der Schauspielhaus-Dramaturg erarbeitete aus den bereits im Magazin der "Süddeutschen Zeitung" verdichteten Texten eine zweigeteilte chronologische Fassung, die heute und am 13. Mai im Central gezeigt wird.

Acht Schauspieler sind in die Lesung eingebunden, 86 Personen aus dem Prozess lassen sie zu Wort kommen. Die Zuordnung der Rollen und das Bemühen um eine möglichst realistische altersmäßige Übereinstimmung sei eine "ziemliche Puzzelei" gewesen, erzählt Oliver Held. Aber trotz des rasanten Ritts und der zusätzlichen Belastung hätten alle Schauspieler gerne mitgemacht.

Einen Sonderstatus im Gefüge haben Reinhart Firchow als Richter und Claudia Hübbecker als Sprecherin, die jeden Tag zusammenfasst. Die Abende, das betont der Dramaturg auch, stehen nicht unter einer künstlerischen oder theatralen Prämisse, sie haben in erster Linie dokumentarischen Charakter und bilden ein Zeitpanorama ab.

Er ordnet das Projekt als wichtigen Beitrag zur jüngsten deutschen Geschichte ein: "Die Frage nach Sinn und Zweck stellte sich mir nicht, ich musste das einfach machen. Insbesondere in einer durch deutsche Stücke geprägten Spielzeit." Die Lesung dürfte lang werden, glaubt er. "Aber die Sache ist es wert. Ich glaube, es wird den Zuschauern gehen wie mir - sie sind so gepackt, dass sie das auch hören wollen."

Der seit drei Jahren währende NSU-Prozess bekam durch die kürzlich ausgestrahlten Fernsehfilme über die mörderischen Taten des rechtsradikalem Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe neue Nahrung.

Allerdings sei die Gleichzeitigkeit purer Zufall und ihm gar nicht so lieb. "Keiner sollte denken, das hätte er ja gerade erst gesehen", baut Oliver Held vor. Heute wird es im Anschluss an die Lesung ein Nachgespräch mit Annette Ramelsberger geben. Die Gerichtsreporterin hat jeden einzelnen Verhandlungstag mit Beate Zschäpe verfolgt und einmal jährlich mit zwei Kollegen im SZ-Magazin protokolliert. An der schweigenden Angeklagten war jeder Appell von Verwandten der Todesopfer abgeprallt. Erst allmählich erhellt sich die unheilvolle Verquickung von Neonazis, V-Leuten und Verfassungsschutz.

(go)
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