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Düsseldorf
Ohne Maske in neuen Rollen

Düsseldorf: Ohne Maske in neuen Rollen
"Ich bin meine eigene Frau": Christiane Lemm beschäftigt sich mit Virginia Woolf, Ingeborg Bachmann und Marie Luise Kaschnitz. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Die Schauspielerin Christiane Lemm hat erfolgreich das Modell der szenischen Lesung etabliert. Jetzt ist sie mit ihrer Kollegin Petra Kuhles in zwei neuen Produktionen im Theatermuseum zu erleben. Von Regina Goldlücke

In ihrem jahrzehntelangen Theaterleben hat Christiane Lemm viele Facetten ihres Berufes ausgekostet. 25 Jahre war sie im festen Engagement, darunter zehn am Düsseldorfer Schauspielhaus. Nach ihrer Abschiedsvorstellung als Mutter John in "Die Ratten" (1996) begann ein selbst gewähltes Vagabundendasein. "Ich gastierte an vielen Bühnen und durfte wunderbare Rollen spielen", erzählt sie. "Doch irgendwann war es an der Zeit, wieder etwas Neues zu beginnen."

Den Wunsch, eigene Projekte zu verwirklichen, gab es schon lange. Die Lust daran wurde geweckt, als Intendant Volker Canaris seinen Schauspielern eine kleine Spielwiese im Bistro einrichtete. Christiane Lemm nutzte sie für die szenische Lesung "Geliebter Lügner" und eine zweiteilige "Erotic Late Night" mit erotischen Geschichten aus dem 18. Jahrhundert. Dabei spürte sie einen nachhaltigen Impuls: "Sich ohne Maske und Kostüm eine Figur anzueignen, hat mich sehr bereichert. Das wollte ich ausbauen. Doch bis es schließlich soweit war, vergingen viele Jahre."

Inzwischen hat sie diese Variante ihrer Spielkunst in der Kulturszene der Stadt und der Region erfolgreich etabliert. Für einige szenische Lesungen und Theaterabende fand Christiane Lemm in Petra Kuhles eine engagierte Partnerin, auch sie gehörte bis 1993 zum Schauspielhaus-Ensemble. Die beiden Künstlerinnen sind am Dienstag Gäste beim Talk "Das rote Sofa" im Theatermuseum.

Gemeinsam widmeten sie sich einer Riege starker Frauen. In ihrem Programm "Geliebtes Wesen" beleuchten sie in Briefen und Tagebuchnotizen die spannende Beziehung von Virginia Woolf und Vita Sackville-West. Zwei Schriftstellerinnen, die voneinander fasziniert waren und sich dennoch gnadenlos kritisierten. Ihre Liebesgeschichte, von den jeweiligen Ehemännern geduldet, mündete später in eine lebenslange Freundschaft. "Die Frauen schrieben sich über 500 Briefe", erzählt Christiane Lemm. "Man lernt daraus nicht nur die Feministin Virginia Woolf kennen, die ihre Freiheit vehement verteidigte. Sie konnte auch sehr witzig sein. Die Aristokratin Vita Sackville-West war ein Paradiesvogel, mit großer Anziehungskraft und einem Eroberungsdrang, wie ihn sonst nur Männer zeigen." Am 18. November treten die Schauspielerinnen mit "Geliebtes Wesen" im Theatermuseum auf.

Am 12. November gastieren sie dort mit dem Theaterstück "Caffè Greco". Dessen Heldinnen sind die Dichterinnen Marie Luise Kaschnitz und Ingeborg Bachmann, zu der Christiane Lemm seit jeher eine große Affinität hatte. "Vielleicht verstand ich sie als junge Frau gar nicht so richtig, weil sie so bildgewaltig und intellektuell schreibt", sagt sie. "Aber vom Bauchgefühl her war sie mir nahe." Bachmann und Kaschnitz waren befreundet, beide lebten zeitweise in Rom und gingen im Literaten-Treffpunkt Caffè Greco ein und aus: "Zwei sehr unterschiedliche Frauen, aber verbunden durch eine beeindruckende Tiefe und das Streben nach der Wahrheit." Für das Programm, gänzlich aus Original-Texten, forsteten die Schauspielerinnen Tagebücher, Briefe und Gedichte durch. "Je länger die Arbeit dauerte, desto mehr wurden wir zu unseren Figuren", sagt Christiane Lemm, die in Bachmanns Rolle schlüpft und bereits an ihrem nächsten Projekt tüftelt: "Es gibt ja noch mehr starke Frauen!"

Szenische Lesungen haben ihr treues Publikum. Christiane Lemm glaubt den Grund zu kennen: "Der Schauspieler versteckt sich dabei nicht, er durchdringt den Text mit seiner eigenen Persönlichkeit." Nach dem Verlassen des Schutzraums Theater fühlt sie sich nun in dieser eigenständigen Nische gut aufgehoben. "Ich wollte mir in meiner Wahlheimat Düsseldorf etwas aufbauen", erzählt die gebürtige Berlinerin, die hier vor vielen Jahren auch ihr privates Glück fand. Inzwischen ist sie versiert in allen Aktivitäten, die dafür nötig sind: "Ich muss mit dem Kulturamt verhandeln, einen Stoff auswählen, ein Konzept beschreiben, einen Veranstaltungsort suchen", listet sie auf. "Im Kleinen liegt häufig das Schwere. Weil ich aber neugierig und begeisterungsfähig bleibe, lerne ich immer dazu."

Sie zitiert Charlotte von Mahlsdorf: "Ich bin meine eigene Frau. Und zum Glück gehen mir die Themen nicht aus. Inspiration gibt es überall."

Quelle: RP
 
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