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Düsseldorf
Performance: Vom falschen zum richtigen Körper

Düsseldorf. In einer alten Poststation neben dem Tanzhaus wird "ID-clash" gezeigt, ein Stück über sexuelle Identitäten. Von Lisa Maier-Bode

Leonora Friese sitzt auf einem Acker. Vor ihr ein kleiner Tisch, auf dem ein Laptop steht. Sie schreibt einen Text, jede Zeile wird auf eine Leinwand projiziert. Der Text erzählt ihre Lebensgeschichte: Sie hat drei Kinder, arbeitet als Unternehmensberaterin, war mal Alkoholikerin und wusste immer, dass sie "anders" ist. Die Performerin war bis vor zwei Jahren ein Mann.

Heute ist sie Teil des Projekts "ID-clash", das zurzeit in einem leerstehenden Postgebäude gegenüber des Tanzhauses gastiert. Neben Leonora erzählen hier vier weitere Performerinnen, die alle mal Männer waren, von ihren Werdegängen. Zunächst anlässlich der internationalen Tanzmesse und anschließend vom 9. bis 11. September zur Eröffnung der Tanzhaus-Spielzeit. Die Kölner Künstler Angie Hiesl und Roland Kaiser haben das Projekt zum Thema Transidentität im Jahr 2010 ins Leben gerufen, nachdem sie bei einem Workshop in Bangladesh Kontakt zu Hijras aufgenommen haben. Hijras sind Menschen aus Südasien, die sich weder als Mann, noch als Frau fühlen. In Bangladesch führen sie ein Leben am Rande der Gesellschaft.

Für ihr Projekt haben Hiesl und Kaiser zwei Hijras nach Düsseldorf eingeladen: Annonya und Katha. Eine Videoprojektion zeigt ihren Alltag in Dhaka, während sie von ihrem Leben erzählen und singend Saritücher auseinander- und zusammenfalten. Im Hintergrund ist der Straßenlärm ihrer Heimatstadt zu hören. Am anderen Ende der Halle wurde ein weiterer Acker angelegt, auf dem Blumentöpfe stehen, High Heels und in der Mitte eine Dusche. Bianca Guess, eine Performerin aus Brasilien, spaziert verträumt über das Feld. Auch sie merkte früh, dass sie nicht wie die anderen ist. Sie wurde Soldat. Und Schauspieler. Mit 22 Jahren entschied sie, eine Frau zu werden und begann eine Hormonbehandlung. Bianca empfindet ihre Transidentität als politischen Vorgang. Sie zieht sich aus und duscht vor den Zuschauern. Einige Meter weiter erzählt Melissa Noriega aus Kuba von ihrem Lebensweg. Sie sitzt auf einem roten Sofa. Die Tänzerin hat sich schon immer weiblich gefühlt. Als sie acht war, wurde sie von einem Verwandten vergewaltigt. Die kubanische Gesellschaft akzeptierte ihr Anders-sein nicht und Melissa ging nach Deutschland. In ihren emotionalen Erzählungen bricht ab und zu ihre Stimme.

Als Zuschauer muss man sich entscheiden: Von allen Performerinnen einen kleinen Eindruck gewinnen oder in eine Geschichte eintauchen. So oder so, man bleibt gefesselt von der Atmosphäre der Installation. "Seit ich mich lebe, lebe ich", sind die letzten Wörter, die Leonora Friese tippt. Mit drei Ausrufungszeichen. Sie steht auf und verlässt gemeinsam mit den anderen Performerinnen die Halle. Man wünscht ihnen, dass sie eben das tun können. Sich selbst leben.

Quelle: RP
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