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Düsseldorf
Pinke Performance

Düsseldorf. Die dritte Ausstellung in der Kunstsammlung NRW unter neuer Leitung zeigt ein Werk von Maria Hassabi. Den ganzen Tag gibt's Tanz. Von Annette Bosetti

Manchmal muss man neu denken, einmal das Hirn umprogrammieren. Zum Beispiel, wenn es in die neue Ausstellung im K 20 geht. Nicht Bilder gibt es anzuschauen, die an Wänden hängen, oder Skulpturen im Raum zu betrachten. Der Besucher muss sich vielmehr öffnen für ein leises Spektakel, das Performance heißt und mit den traditionellen Sehgewohnheiten des Ausstellungsbetriebes bricht.

Viele Menschen sollen zu Maria Hassabi kommen, das wünscht sich die neue Direktorin Susanne Gaensheimer, die Performances als wichtigen Programmpunkt eines Ausstellungsbetriebes betrachtet. Von jetzt an wird es immer wieder in der Kunstsammlung NRW Performances geben. Die Besucher sollen sich dieses Mal einlassen auf eine lebendige Installation im Raum.

"Staging. Solo #2" heißt die die monumentale Grabbe-Halle ausfüllende Arbeit, deren Vorläufer auf der Documenta14 zu sehen war. Weiterentwickelt hat die in den USA lebende zypriotische Choreographin diese Performance nun für Düsseldorf. Hier ist jeweils zwei ganze Stunden lang ein einziger Tänzer zugange, bevor er an den nächsten übergibt. Zu den Öffnungszeiten geht das den ganzen Tag so in einem Loop. Man kann nicht mal eben nur den Kopf in den Saal stecken. Vielmehr braucht man Zeit und Mut und Lust zum Interagieren und sich Wundern.

Aus dem Raum wurde eine Bühne, wofür die Künstlerin erst einmal einen hochflorigen pinkfarbenen Teppichboden ausrollen lassen ließ. Das Pink des Bodens knallt in die Augen, zieht sich schimmernd an den weißen Hallenwänden hoch. Pink lädt den Raum auf. Das groß ausgeschnittene Schaufenster zeigt zum Grabbeplatz hin, gewährt Blicke auf die Kunsthalle und auf das Eingangstor zur Altstadt. Draußen eröffnet sich derzeit ein animierendes Panorama: Fußgängerformationen ziehen vorbei. Die Touristen tragen rotweiße Mützen. Sie lärmen, essen und trinken im Gehen. Man wundert sich nicht über ihre mangelnde Orientierung in der fremden Stadt, über Genussucht und hohe Erwartungshaltungen im Monat der Bescherung. Vom sicheren Posten aus schaut man ihnen zu. Kämen sie zur Performance, beträten sie exakt die Gegenwelt.

Drinnen herrscht das Diktat der Kunst, des Künstlichen und Künstlerischen. Wie die Tänzer sich einsam bewegen, in allerkleinsten Stufen abrollen, biegen, beugen, zu neuen Figuren verformen, das ist ein spannender Vorgang. Manche Posen erkennt man als Baby oder als ein sich elegant anschmiegender Partner. Dann wieder wirken die Akteure verloren im Raum, wie ein vergessener, überflüssiger, liegengelassener Mensch. Ihre Fingernägel sind gelb lackiert, die weißen Schuhe haben scharfe Spitzen, die Trikots ähneln von ihrer asymmetrischen bunten Musterung her denen der Menschen vom Jahrmarkt.

Existenzielle Spannung entwickelt sich zwischen Betrachter und Performer, das Spiel kann beiden nah gehen, schon während der Proben flossen Tränen. Dabei ist alles streng geregelt und gelenkt, sparsam choreographiert. Der Tänzer bewegt sich sekundengenau und noch langsamer als in Zeitlupe. Mikrobewegungen sind es, die die New Yorker Gäste perfekt beherrschen. Der Raum, das Licht, die Musik - alles fügt sich zu einem Gesamtbild von hoher Strahlkraft. Maria Hassabi interessiert sich für die Stille und Leere, zoomt sich in die Langsamkeit hinein. Als Mittel dienen ihr zerdehnte Zeit und zerlegte Bewegungen. Die Choreografin hat ihr im theatralischen Raum verankertes Werk in die Bildende Kunst hinein erweitert, neue Bilder und Formate geschaffen, am Ende entstehen Menschen-Skulpturen.

Eine Performance ist immer auch eine Einladung. Was Tänzer und Besucher eint, ist ihre Weltverlorenheit. Eine Zauberkraft.

Quelle: RP
 
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