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Düsseldorf
"Pinocchio" als virtuoses Klang-Abenteuer

Düsseldorf. Am Sonntag hat das Märchenstück des Schauspielhauses im Central Premiere. "Pinocchio" erlebt darin spannende Abenteuer, muss aber auch damit kämpfen, Außenseiter zu sein. Bojan Vuletic komponierte die Bühnenmusik. Von Sabine Schmidt

Pinocchio trägt Maske, Handschuhe und eine Holznase hat er auch. Doch die eigentliche Hauptrolle im Märchenstück, das das Schauspielhaus im Central am Hauptbahnhof zeigt, spielen die Fantasie und das Wünschen: Die Fee würde so gern zaubern, Puppenspieler Gepetto wünscht sich einen Sohn, und die Holzpuppe Pinocchio möchte so gern ein richtiger Junge aus Fleisch und Blut sein.

Alles beginnt damit, dass Philip Schlomm als Gepetto friert und ein Brett verfeuern will, das er gefunden hat. Aber dann wirkt der Zauber der Fee, und er schnitzt aus dem Stück Holz die Puppe mit der langen Nase. Erst sieht man nur das Brett, dann tauchen hinter ihm Hände und Füße auf, und schließlich wird Jonathan Schimmer als Pinocchio lebendig: ein quirliger Junge, der alles ausprobieren und die Welt entdecken will, der lieb sein möchte und doch immer wieder etwas anstellt, zur Schule gehen will und fürs Leben lernen muss und dabei auch seinen Papa in die Bredouille bringt.

Auf die Zuschauer wartet ein schlichter Bühnenentwurf von Anja Furthmann: ein Holzboden mit ein paar Sandkuhlen. Aber dieser "Pinocchio" in der Regie des Argentiniers Marcelo Diaz ist nicht nur ein spannendes Schau-, sondern auch ein schönes Hörspiel mit Musik von Bojan Vuletic, und so gibt es noch viel mehr zu entdecken: Um die Bühne herum sind Instrumente und Gerätschaften aufgebaut, an denen die Schauspieler zwischen ihren wechselnden Rollen aktiv sind. Zu hören ist Klaviermusik, dazu gibt es Geräusche, die passend zum Geschehen klingen wie muhende Kühe oder glucksendes Wasser, wie ein Unwetter oder Klopfen auf Holz.

Nicht nur vom Bühnenrand unten kommen Klänge, sondern auch von oben. Hier ist die Bühne umrahmt von einer 30 Meter langen "Murmelbahn", ebenfalls aus Holz, die als Melodieinstrument eingesetzt wird, eine beeindruckende Konstruktion. Ihre leisen Töne, die ein wenig wie ein Glockenspiel klingen, schaffen Spielräume für die Fantasie, weil die Töne das Geschehen auf der Bühne nicht akustisch untermalen, sondern rätselhaft bleiben und eigene Akzente setzen.

Wie in dem Kinderbuchklassiker "Pinocchio" können die jungen Zuschauer aus den Fehlern der Hauptfigur lernen - der erhobene Zeigefinger ist nicht übermächtig, aber zu ahnen. In der Bühnenfassung von Jürgen Popig spielt zwar kaum eine Rolle, dass Pinocchios Lügen sich zeigen, indem seine Nase lang wird. Das Publikum erlebt aber, wie schnell der Junge sich ablenken lässt: Kaum kommt er am Marionettentheater vorbei, sind alle guten Vorsätze dahin, brav zur Schule zu gehen. Oder man sieht, wie leicht es ist, ihn übers Ohr zu hauen. Fuchs und Katze, dieses gemeine Gaunerpaar, luchsen dem gutgläubigen Jungen seinen kleinen Schatz ab, den er doch nutzen wollte, um seinem Vater etwas Gutes zu tun.

Er muss sich abnabeln und eigene Erfahrungen sammeln, dazu gehört, dass er auch mal auf seine lange Nase fällt. Das ist dem Regisseur wichtig, der selbst zwei - allerdings schon große - Kinder hat. Und er will zeigen, dass Pinocchio als Holzpuppe anders als die anderen in seiner Klasse ist und erfahren muss, was es heißt, gemobbt zu werden.

Die Zuschauer lernen aber nicht nur, sondern haben auch Spaß mit Pinocchios Abenteuern: wenn er im Land der tausend Spiele ist und mit einem Mal Schaukeln vom Himmel fallen oder wenn alle auf der Bühne riesige Zuckerwatteportionen bekommen. Zudem gibt Teresa Zschernig auf witzige Weise die Fee mit den nachtblauen Haaren. Geziert tanzt sie als Ballerina auf Zehenspitzen, tritt dann aber auch derb mit der ganzen Fußsohle auf, ist mal ganz die perfekte Fee und dann wieder nicht, spielt mit dem schönen Schein, mit Illusion und Desillusionierung. Ein großes Vergnügen.

Quelle: RP
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