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Düsseldorf
Prächtige Bilder, aber es fehlt der rote Faden

Düsseldorf. Im Jungen Schauspielhaus sprang bei der Premiere von "Alice im Wunderland" der Funke nicht über. Das Abenteuer wirkt verworren. Von Annette Bosetti

Ein bisschen ratlos waren nicht nur die Erwachsenen, auch das junge Publikum, für das die Neuinszenierung von Lewis Carrolls Weltbestseller "Alice im Wunderland" in der Fassung von Tobias Goldfarb gedacht war, fand zu keinem gültigen Urteil. "Ein bisschen langweilig", sagte die sechsjährige Laura gestern nach der Premiere im Jungen Schauspielhaus, "normal eben", befand ihre gleichaltrige Freundin Nina. Und doch hatten alle aufmerksam zugeschaut und zugehört.

Großen Aufwand hat man für die knapp einstündige Inszenierung nicht gescheut, es dürfte eine der kostüm- und bühnenprächtigsten Aufführungen der vergangenen Jahre sein, die ein aus drei Regisseuren bestehendes Team, darunter auch der Autor der Neufassung, auf die Bühne gebracht hat. Die Zwillingsschwestern Laura und Lisa Quarg haben Bühnentanz studiert, vielleicht choreographieren sie alle Bewegungen der in wechselnden Rollen auftretenden Darsteller deshalb tänzerisch durch. Eigentlich eine gute Idee, die der Inszenierung Leichtigkeit verleihen kann. Wo aber keine Geschichte ist, wo überdimensionierte grelle Bilder die kleinen Köpfe schon stark beschäftigen, wären eine handfeste Handlung oder gar ein roter Faden nicht schlecht, um die jungen Zuschauer an die Hand zu nehmen und zu fesseln. So bleibt das (alp)traumhafte Abenteuer, das Alice zu bestehen hat und das mit Ideen aus dem Carroll-Klassiker "Alice hinter den Spiegeln" verwoben wurde, letztlich recht undurchschaubar.

Das Wundern ist den Kindern gegeben, so jung sie sind, so wundern sie sich noch hemmungslos, sehen dafür den Zauber in vielen Dingen, wenn dies der Erwachsene längst verlernt hat. Hoch oben sitzt anfangs Alice in einem kleinen beleuchteten Verschlag und spricht mit einem unsichtbaren Partner. Im Buch ist es ihre Schwester. Bald fällt Alice aber, verführt von einem sprechenden weißen Kaninchen, in dessen Erdloch. Und es wird ein sehr, sehr tiefer Absturz in völlig neue Wirklichkeiten, die zu Recht den Namen Wunderland tragen.

Groß und Klein, Gut und Böse, Recht und Unrecht sind platziert, oft auch paradox, die Gesetze der Logik sind manchmal außer Kraft gesetzt. Nicht einmal die Sprache ist mehr verlässlich, vieles scheint wie Kauderwelsch von Figuren, die so seltsam unaussprechliche Namen tragen wie Mädhättä, Twiddeldam, Kätterpiller oder Tschseschirkat. Normal ist eine Kategorie, die man hier unten getrost vergessen darf. Für Kinder eine leichte Übung.

Im Reich einer grausamen Königin soll geköpft werden, damit das nicht geschieht, muss die Herrscherin im Croquetspiel besiegt werden. Unendlich verwirrende Strecken muss Alice überwinden, treppauf und treppab, durch mysteriöse Türen hindurch, hinter zwielichtigen Figuren her. Am Ende steht sie als Siegerin da, doch erst einmal taumelt das Mädchen voller Fragen durch die neue fabelhafte Welt, und nicht selten überfällt es die Angst.

In unsortierten Szenenfolge paradieren die Figuren an Alice vorbei oder auf sie zu. Es sind mehr bunte Vögel als Figuren mit Charakter. Oft versteht man sie nicht, auch ihr Verhalten lässt sich nur schwer einschätzen. Diese Inszenierung ist vor allem eine große Show. Auch das kennen Kinder vom Fernsehen und von digitalen Kanälen her.

Das Gute: Im Theater geschieht alles live. Das weniger Gute: Es fehlt der rote Faden. Kinder brauchen Geschichten, die sie in dieser "Alice" nicht bekommen. Der größte Brüller der Bühnenshow ist der riesige Drache aus Papier, der am Ende von Alice besiegt und zerlegt wird. Der Applaus fällt eher mau aus.

Quelle: RP
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