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Düsseldorf
Prosa-Terror bei der Deutschen Bank

Düsseldorf. Der Titel war nur eine Notlösung. Denn als Frank Witzel sein noch erheblich unfertiges Manuskript für den Robert-Gernhardt-Preis einreichte, wurde er kurzfristig um einen Titel des Prosa-Rudiments gebeten. Was also auf die Schnelle tun? Witzel entschied sich für eine knappe Inhaltsangabe der schon vielen hundert Seiten, und so gewann das Blätter-Konvolut als "Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969" erst den Gernhardt-Preis und anschließend als fertiges Werk auch noch den Deutsche Buchpreis. So kurios kann die Geschichte des besten deutschen Romans 2015 sein. Von Lothar Schröder

Und jetzt sitzt Witzel im feinen Kuppelsaal der Deutschen Bank an der nicht minder feinen Kö und liest aus seinem schelmischen Terrorroman, den jetzt alle einfachheitshalber und einvernehmlich nur die "Die Erfindung" nennen. Volles Haus für einen Autor, der so manisch-spannend liest, wie sein Held durch bewegte deutsche Zeiten stolpert. Zudem antwortet der 60-Jährige so unterhaltsam auf Fragen von Moderatorin und Publikum, wie man es sich für einen Literaturveranstalter nur wünschen kann.

Ob er die vergangenen zehn Jahre tatsächlich nur damit verbracht habe, einen Roman zu schreiben? Ja, eigentlich schon, sagt er, sieht man einmal von drei kleineren Prosaarbeiten und zwei Sachbüchern ab. Ob man ihm das Manuskript nach Vollendung nicht aus der Hand gerissen habe? Fast, bis auf die 39 Absagen, die sein Literaturagent nach all den Anfragen von den Verlagen einkassieren musste. Worüber er nach diesem Epochenbuch am meisten staunt? Dass heutzutage angesichts des Terrors Religion wieder eine so große Rolle spielen würde, konnte er damals nicht glauben. Schließlich: Ob er nicht unendlich froh gewesen sei, als er dieses lesenswerte Roman-Monstrum endlich abgeschlossen habe? Zweimal Nein dazu. Denn erstens sei das Ursprungs-Manuskript fast doppelt so umfänglich gewesen. Und zweitens überfiel ihn nach Abgabe seiner Arbeit ein sentimentales Gefühl und der darauf folgende Wunsch, irgendwie noch eine Fortsetzung zu erfinden. Aber daraus wird nichts, meint Witzel verdächtig resolut. Und wir, die literarisch bestens unterhaltenen Zuhörer? Wir glauben einfach nicht daran.

Quelle: RP
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