| 16.27 Uhr

Beatsteaks im zakk
Samstagabendgut

Beatsteaks im zakk: Samstagabendgut
Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß heizt dem Publikum im zakk ordentlich ein. FOTO: Anne Orthen
Düsseldorf. Mithilfe von 900 Fans verwandelten die Berliner Meister der Liveshow das zakk in eine ekstatische Schwitzhütte – obwohl das Publikum in den nur 90 Minuten mehrere Klassiker der Beatsteaks vermisste. Von Tobias Jochheim

Ob es seinem Publikum gut gehe, fragt Frontmann Arnim Teutoburg-Weiß gegen halb elf am Donnerstagabend, und weil er ja sieht und hört und riecht, dass dem so ist, präzisiert er die Frage: "Richtig, richtig gut? Samstagabendgut?" Drunter machen sie‘s nicht, die Beatsteaks aus Berlin, auch nicht an einem Donnerstag nach 22 Jahren im Geschäft und zwei Nummer-1-Alben und in der Ruhe vor dem Sturm, der in einer Woche mit dem achten Studioalbum "Yours" hereinbrechen wird.

Niedrig war die Hürde zur ganz großen Ekstase wahrlich nicht, schließlich war der Ansturm auf das Clubkonzert gewaltig, die Ticketserver waren unter der Last der Anfragen zusammengebrochen, Sekunden nach Verkaufsstart. Das war am 19. Juli, und in jeder der rund 900 Stunden seitdem war die Erwartungshaltung der ziemlich genau so vielen (beziehungsweise wenigen) glücklichen Fans gestiegen. Die wenigen Tickets, die bei Ebay weiterverscherbelt wurden, erzielten dreistellige Preise.

Doch trotz alledem gelang ein fulminantes Konzert. Dabei standen die Beatsteaks nur rund 90 Minuten auf der Bühne, und lösten dabei ihr Versprechen "viele neue und viele alte Songs" zu spielen gefühlt nur zur Hälfte ein. Natürlich zelebrierten Band und Fans "To be strong" und "Cut Off The Top" und "Hello Joe", die Hymne an Joe Strummer, den Sänger von The Clash, die die Beatsteaks diesmal wiederum den Toten Hosen widmeten. Nach ein paar härteren Nummern gab‘s zum Schluss auch den gänsehautschönen Schwur "I don‘t care as long as you sing" – aber mit "Hand in Hand" sowie "Summer" wurden gleich zwei geliebte Hymnen schmerzlich vermisst, dazu der Brecher "Jane Became Insane" sowie das schlicht ergreifende, zarte "Hey du".

Springen, Schwitzen, Japsen

Dafür bekam das springende, schwitzende, japsende Publikum – darunter auch die Hosen Vom Ritchie und Andi Meurer – diverse brandneue Stücke zu hören. Diese wurden nicht unfreundlich und schon gar nicht ratlos ruhig aufgenommen, aber doch verhältnismäßig verhalten. Kein Wunder: So experimentell war das Berliner Punkrock-Quintett noch nie, genügen soll das Stichwort Autotune.

Arnim Teutoburg-Weiß mag einen Namen tragen wie von Loriot erdacht, aber er ist ein Bühnengott, unfehlbar, unkritisierbar, unhassbar sowieso. Ein Zirkuskind, ausgebildet in Artistenschulen und Eckkneipen, auf Jugendheim-Bühnen sowie bei "Rock am Ring", ein Mann zum Stehlen ganzer Pferdeherden. Von Berufsjugendlichkeit dürfte niemand weiter entfernt sein; der Chef der "Buletten" ist King of Kotelett. Wenn er sagt, mit dem neuen Album wollten sie "die Ampeln auf Grün machen, oder wat", verdreht man nicht die Augen. Er darf berlinern und Halbsätze nuscheln und teils fragwürdiges Englisch singen. Er darf Hawaii-Hemden tragen und diverse sagenhaft hässliche Anglerhüte, er darf auch die abgeschmacktesten Tanzmoves bringen. Er darf neben den üblichen Punk-Heroren auch seinen inneren Freddie Mercury channeln, Michael Jackson und H.P. Baxxter, Robbie Williams sowieso. Apropos: Nicht zuletzt mit einer lässigen Interpretation von Williams' Schmachtfetzen "Angels" hatte im Vorprogramm die Kieler Ska-Band "Tequila and the Sunrise Gang" ordentlich Dampf und Laune gemacht.

Im Hauptteil dann darf Teutoburg-Weiß mit irrem Grinsen Rasseln schwingen, er darf Profifotografen-Kameras klauen und damit unscharfe Bilder schießen (die komplette Serie ist hier zu sehen). Er darf mit jungen blonden Frauen tanzen und Zigaretten rauchen, ohne dass es pseudocool wirkt. Arnim Teutoburg-Weiß dürfte auch Zigarillo rauchen oder Pfeife oder sogar E-Zigarette. Er darf "I Want to Break Free" schmettern und es wird zu Recht abgefeiert, weil er es mit der Halbironie tut, die er so gut beherrscht, ohne das Original zu verhunzen oder gar zu verraten.

"Jetzt bin ich der alte Hase auf dem Platz"

Seit er die 40 überschritten hat, fühle er sich wie Andrea Pirlo, der elder statesman des Fußballs, hat er einmal dem "Spiegel" gesagt: "Früher war ich getrieben, jetzt bin ich der alte Hase auf dem Platz, der einen kühlen Kopf bewahrt." Den er dann nutzt, um die Temperatur und Luftfeuchte systematisch nach oben zu treiben, seine Hallen kalkuliert in Schwitzhütten zu verwandeln.

Vor der Tür nach dieser Show des Typs, über den sie in Interviews gern launig sagen, das sei "ein riesen Scheißdreck eigentlich, weil dabei nix rumkommt", also finanziell, werden Donnerstagnacht zahllose T-Shirts ausgewrungen mit Aufdrucken von den Hosen, Donots und Broilers, den Dropkick Murphys und Star Wars. Einer bestaunt die beiden Brillengläser in seiner Hand, von denen leider nur eins in sein Gestell passt; das andere muss ein anderer Fan beim Pogo verloren haben. Auf dem Bürgersteig liegt ein Mann mit Krämpfen, klatschnass und glücklich. Es geht ihm samstagabendgut.

 
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