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Düsseldorf
Sarah Kuttner trifft den Nerv einer Generation

Düsseldorf. Im ausverkauften Zakk las die Moderatorin mit Ost-Berliner Vergangenheit aus ihrem neuen Roman "180 Grad Meer". Von Thomas Hag

Eigentlich beantwortet sie gerne Fragen. Doch eine Frage kann Sarah Kuttner, die jetzt im Zakk aus ihrem neuen Buch las, gar nicht leiden. Nämlich die, ob sie "180 Grad Meer" auch selbst geschrieben habe. "Mein Name steht immerhin drauf, nicht der eines Ghostwriters", antwortet sie gewohnt schlagfertig.

Der Frage aus dem Publikum haftet ein gewisser Unglaube an: Kann denn jemand, der beim Fernsehen arbeitet, auch wirklich noch Romane schreiben, die sich zu Hunderttausenden verkaufen? Kuttner kann. Und auch wenn ihre Werke bestenfalls als Pop-Literatur abgetan werden - Kuttner ist beliebt. Das bis auf den letzten Platz gefüllte Zakk beweist, dass sie seit ihrer Kolumnensammlung "Das oblatendünne Eis des halben Zweidrittelwissens" mit ihrem lakonischen Stil einen Ton trifft, der beim vorwiegend weiblichen und jungen Publikums gut ankommt.

"180 Grad Meer" ist als eine Art "Road Novel" zu verstehen: Die Protagonistin Jule macht sich auf die Reise, um allem zu entfliehen, am liebsten sich selbst. Denn ihr Leben ist nicht gerade das, was man als gelungen bezeichnen könnte. Sie arbeitet als Cover-Sängerin in einer Hotelbar, muss dort Hits wie Sades "Smooth Operator" singen; und Kuttner schafft es mit ihrer Erzählweise, dass man das Lied am Ende selbst ganz furchtbar findet. Widerwille, ja sogar Hass prägen die Romanfigur Jule. Kein Wunder, hat sie doch mit einer depressiven Mutter zu kämpfen; der krebskranke Vater hat sie verlassen. Als es in ihrer eigenen Beziehung auch allmählich kriselt, entschließt sich Jule, nach England zu flüchten.

England - eine Leidenschaft Kuttners, die sich nicht nur im Buch als Zufluchtsort für Jule widerspiegelt, sondern auch bei der Lesung im Zakk. So hängt direkt über Kuttners Kopf ein Bild der Queen. Natürlich mit einem ihrer Hunde, denn das ist Kuttners zweite Leidenschaft, die wiederum ebenfalls im Buch zu finden ist. Der zufällig auftauchende Hund Bruno, der die Hand beißt, die ihn streicheln will, ist wie das vierbeinige Pendant zur Protagonistin - er wandelt sich vom "Arschlochprinz" zum haltgebenden Begleiter.

Im Anschluss an die Lesung - "Signieren ja, aber Fotos mache ich mit euch nicht, dauert immer so lang" - kamen dann die Fragen. Unter anderem nach dem bekannten "Würstchen-Reis". Da scheint ihre Ostberliner Vergangenheit durch - "Wir hatten ja sonst nichts" -, aber nachkochen möchte man das merkwürdige Essen, das aus Ketchup, Curry, und eben Reis und (Bock-) Würstchen besteht, doch lieber nicht.

Bei "180 Grad Meer" mag es sich um leicht verdauliche Kost handeln, aber Sarah Kuttners Lesung beweist, dass man mit Humor, einer besonderen Auffassungsgabe des Alltags und dem Erfassen von Sehnsüchten wie dem Meer und der Heimat ein streckenweise fesselndes Buch schreiben kann.

Quelle: RP
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