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Düsseldorf
In drei Tagen fit für den "Revisor"

Schauspieler Christian Friedel: In drei Tagen fit für den "Revisor"
Der Schauspieler Christian Friedel ist Gast im Düsseldorfer Schauspielhaus. Er ist für den verletzten Moritz Führmann eingesprungen. FOTO: Sebastian Hoppe
Düsseldorf. Am Filmset mit Tom Tykwer erreichte ihn der Notruf aus Düsseldorf. Christian Friedel sprang für den verletzten Hauptdarsteller ein. Auf der Bühne und im Film ist er erfolgreich. Sein größter Triumph war "Das weiße Band". Von Annette Bosetti

Warum einer Schauspieler wird? Vielleicht, weil er von Kind an im Rampenlicht stehen wollte, den Pausenclown gab, in der Schulpause auf die Bank kletterte und für Unterhaltung sorgte und auch, weil er nicht wie der Vater Arzt werden wollte. So ähnlich erzählt es Christian Friedel, der schon mit neun Jahren Statist im Theater war und Mitglied einer Laienspielgruppe. Einem inneren Drang ist er gefolgt. Die Begabung kommt hinzu.

Nun, das mit dem Laienstatus ist lange passé, heute ist Friedel mit seinen 37 Jahren da angekommen, wo andere sich erst noch hinträumen. Ein starkes Gesicht beim Film ("Das weiße Band", "Russendisko") und ein gefeierter Mime auf deutschen Bühnenbrettern. Der gebürtige Magdeburger, der für den verunglückten Schauspielkollegen Moritz Führmann in Düsseldorf einsprang und nach nur drei Probentagen bravourös Gogols "Revisor" spielte, hat etwas vorzuweisen.

Nach dem Studium an der Falckenberg-Schule spielte er meist Haupt- und Titelrollen: Peer Gynt und Wilhelm Meister, König Ödipus, Arturo Ui, Don Carlos oder Hamlet. Seine Lieblingsrolle aber ist die des Franz Moor in Schillers Drama "Die Räuber", die er am Staatsschauspiel Hannover ausfüllte. In dieser Figur habe er sich freigespielt, sagt er. In die Zeit seines Engagements in Hannover fällt auch sein Filmdebüt und sein erster Erfolg dort. Regisseur Michael Haneke hatte ihn auf einem Foto im Netz entdeckt. Nach intensiven Casting-Durchläufen engagierte der Filmemacher Friedel für die Rolle des Dorflehrers in "Das weiße Band". Friedel durfte eine der wenigen positiven Figuren in dem bedrückenden Sittengemälde verkörpern, das sich am Vorabend des Ersten Weltkrieges in einem Dorf in Deutschland ereignet. 2009 wurde "Das weiße Band" in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet.

Das Theater fordere ihn anders als der Film, sagt er. Auf der Bühne habe man die Aufgabe, eine Figur zu erschaffen und diese bis zur letzten Reihe zu verteidigen. Und: "Auf der Bühne ist man nackt." Im Film werde vieles über die inneren Gedankenwelten ausgedrückt. "Auf der Bühne zu stehen, ist mir vertrauter als vor der Kamera", sagt er. "Aber ehrlich gesagt, gehe ich privat lieber ins Kino als ins Theater." Wie kann das sein? Entwaffnend ehrlich sagt er, dass Theater schnell schlecht oder langweilig sein kann. "Aber wenn es mich begeistert, dann ist es ganz und gar."

Ganz und gar lässt sich Friedel auf seine Rollen ein, er erscheint unbekümmert und frei im Spiel, er nimmt selbstverständlich seinen Raum und anderen nicht den ihren. Diese Achtung des Teams, des Ensembles, habe mit seiner Ost-Mentalität zu tun, sagt er. "Der kollektive Gedanke hat sich bei uns eingebrannt. Während ich im Westen so etwas wie Vereinzelung ausmache, strebe ich immer nach einer Leistung im Miteinander, im Team."

Es gibt etwas Leichtes in seinem Spiel, zugleich eine Tiefe und unerwartete Lebenszugewandtheit. Friedel ist ein Komödiant mit Fallhöhe. Sein Gesicht kann sich im Nu vom Babyface zur staatstragenden Grimasse wandeln, ein Kritiker lobte einmal das "volkseigenes" Gesicht des in der ehemaligen DDR geborenen Schauspielers. Stark und modulationsfähig ist seine Stimme, er spricht sehr gerne Hörbücher.

Und so singt er auch. Musik ist das zweite Gebiet, auf dem er sich leidenschaftlich vorantreiben lässt. Wegen der Musik und seines Bandprojekts "Woods of Birnam" hat er sich aus dem festen Engagement herausmanövriert, denn die Bühne setzt Menschen meist in ein allzu festes Zeitkorsett. Friedels Leben ist reich gefüllt mit Drama und Musik, mit Songtexten und Kompositionen. Irgendwann wird er vielleicht etwas weniger heute hier und morgen dort sein, obwohl er dieses rastlose Leben nicht als Stress empfindet. In zehn Jahren kann er sich vorstellen, irgendwo Wurzeln zu schlagen, sich die Sehnsucht nach einer Familie zu erfüllen.

"Die Kunst macht mich aus", sagt Friedel, der für den "Revisor" aus den Dreharbeiten mit Tom Tykwer herausgerissen wurde. Drei Tage vor der Düsseldorfer Premiere erreichte ihn der Notruf des Intendanten Wilfried Schulz, einen Vormittag hatte er Zeit zu überlegen und die Drehtermine umzulegen, parallel lernte er schon den Text. Er wusste nichts von der Bühneneinrichtung, vom Konzept, der Regisseur sprach nur Englisch. Eine harte Nuss war das. Christian Friedel weiß aus Erfahrung, dass man auch scheitern können muss in seinem Beruf. Doch die Düsseldorfer Herausforderung wollte er bestehen. Am Ende war er über sich selbst erstaunt. Nach der Premiere fiel alle Anspannung von ihm, matt war er und doch glücklich über den warmen Applaus. "Es hat sich extrem gelohnt, es war eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte."

Quelle: RP
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