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Düsseldorf
Schöner Götterfunken mit Erdenrest

Düsseldorf. Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie d-Moll erklang unter Leitung von Christoph Spering im Silvesterkonzert in der Tonhalle. Von Wolfram Goertz

Als Beethovens Neunte mit ihrem ins Flammenwerferische gesteigerten Gestus 1824 erstmals erklang, war es gleich da: das unpolitische Entsetzen der Zuhörer, ihr Unverständnis, ihre Lähmung, als habe Beethovens Taubheit auf das gesamte Publikum übergegriffen. Die zahm-freundlichen früheren Vertonungen von Schillers Ode waren auf einen Schlag vergessen. Jetzt musste ein "Bacchanal", wie es damals in Kritiken hieß, ertragen oder bekämpft werden. In der Tat war es unerhört, wie sich lauter "Raketeninstrumente" über der "Gemütlichkeit" des Themas erhoben.

An diesen Geist erinnert jetzt beim Silvesterkonzert in der Tonhalle überaus nachdrücklich der Kölner Dirigent Christoph Spering, der sich um die Neunte schon oft gekümmert hat. Für ihn ist das Werk auch in der x-ten Aufführung noch eine Entdeckung, wie wenn ein anderer Christoph, nämlich der Herr Kolumbus, einen neuen Kontinent vor sich erblickt. Doch während Kolumbus erst einmal seine Sinne sortieren musste, weiß Spering sehr genau, was er zu tun hat. Für ihn handelt es sich um frische, unverschlissene, selbst Neuland betretende Musik, die in ihrer Kühnheit über die Konventionen der Zeit hinausging.

Diese Neunte ist überdies ungemütlich, sie birgt Konfliktpotenzial; sie ist kein Stück, bei dem man sich behaglich zurücklehnt. Besonders fix setzt diese Erkenntnis der überaus engagierte Paukist des Neuen Orchesters um. Er feuert seine Böllerschüsse schon Stunden vor Mitternacht ab und lässt uns keine Sekunde im Unklaren darüber, welchen Rhythmus es geschlagen hat. Ansonsten kann es im Orchester nicht so sehr krachen, denn die Gruppen sind im historischen Sinn besetzt, also kleiner als heute. Das gewährt vielen Passagen jedoch einen wundervollen Charme, etwa wenn die Oboen beteiligt sind; um den Klang anderer Instrumente, etwa der Hörner, muss man dagegen stets ein wenig bangen.

Auch Spering bangt und geht dirigentisch auf Nummer sicher. Seine defensive Art verbreitet zwar eher Unsicherheit, wird von den energischen Stimmführern jedoch souverän begradigt. Allerdings haben die kleinen Knirscher im Getriebe - sozusagen als Erdenrest des schönen Götterfunkens - den sehr sympathischen Nebeneffekt, dass die Radikalität des Werks handgreiflich wird. Die epochale Erlebnisbereitschaft der Musik zündet sozusagen in unserer Mitte. Und wir erleben einen Beethoven, der gleichzeitig die Handschrift eines Dirigenten und seines Orchesters trägt; das Ergebnis ist Frische, zupackende Energie, aber auch eine handwerkliche Verbindlichkeit jenseits der utopistischen Tendenzen des Werks. Selbstverständlich freut sich jedes Silvesterpublikum der Welt, das eine Neunte hört, auf die "Ode an die Freude", und diesmal kommt sie wirklich exzellent heraus - zunächst als sehr diskrete Mitteilung aus den tiefen Streichern, dann als staatsmännische Hymne aus dem Orchester, schließlich als famose Übersprungshandlung des Chorus Musicus Köln. Der erweist sich als professionelles Ensemble, das zwischen mysteriösem Piano und Verkündigungsjubel jeden Wunsch erfüllt. Aus dem Solistenquartett ragen die (eingesprungene) Sopranistin Yannick-Muriel Noah und der Bassist Yorck Felix Speer heraus: sie mit gepflegter, doch intensiver Linienführung, er mit eindringlicher, ja weltumspannender Majestät.

Nach dieser ansprechenden Aufführung, die großer Beifall würdigt,widmet mancher gern ein "Glas dem guten Geist überm Sternenzelt dort oben", wie es Friedrich Schiller so leutselig in seiner Ode anregte.

Quelle: RP
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