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Düsseldorf
Skurril: Mallorca-Abend mit Chopin

Düsseldorf. Draußen, übers Rheinufer, peitschen Regenschauer, drinnen plätschern leise Wellen gegen die sonnigen Gestade Mallorcas - durch die Lautsprecher und auf einer stuckgoldig gerahmten Großleinwand in der Bühnenmitte der Tonhalle. Darauf zu sehen: Postkartenansichten. Blauer Himmel, Valldemossa im Blütenkranz. "Ein Winter auf Mallorca", ein Abend mit Pianist Vladimir Mogilevsky und Stefania Adomeit, ist seit Wochen ausverkauft. Das Publikum sehnt sich nach ewigem Frühling und liebt Chopin. Kloster, Kartause, die berühmte Liaison mit der berühmten George Sand im Winter 1838/39 - darum geht es. Man freut sich drauf.

Natürlich das Regentropfenprélude: Vladimir Mogilevsky zelebriert es zur Pause. Er ist ein Tastenkünstler wie aus dem Bilderbuch: sinnliche Lippen, lange Locken. Der vermeintliche Chopin-Spezialist sitzt so weit am Bühnenrand an seinem Steinway, dass er vom darüberliegenden Rang nicht zu sehen ist. Was zu hören ist, ist dann allerdings nicht sonderlich interessant, denn seine Chopin-Auffassung ist wenig sinnlich, eher uncharmant. Und manchmal prügelt er auch die Polonaisen. Naja.

Für die Postkartenromantik ist Stefania Adomeit zuständig. Ihre Stellenbeschreibung lautet: Diseuse. Also schwebt sie auf die Bühne, verteilt Handküsschen, greift sich betroffen ans Herz, badet hingerissen im Applaus. Sie hebt Arme und Stimme zum emphatischen Vortrag von George Sands späten Briefen, die Chopins Winter auf Mallorca mit Flor umkränzen: Sie sagen "die Wahrheit". Adomeit verschmilzt geradezu mit der Sand, es ist ein immerwährendes Zögern, Zärteln, Schwelgen, Raunen in ihrer Stimme. Das gründelt so schrecklich nah am Kitsch, dass es schon wieder begeistert.

Am Ende des Abends sind einige Besucher entsetzt, schimpfen geradezu. Andere wiederum genießen jede Zugabe. Der Rhein liegt ungerührt im Regen.

(kau)
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