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Düsseldorf
So schön war Jungsein in Düsseldorf

Düsseldorf. In seinem Comic-Roman "Fahrradmod" erzählt Tobi Dahmen von seiner Jugend zwischen Unique Club und Rheingold in den 90ern. Von Philipp Holstein

Der Kerl, den wir zu Beginn dieses Buchs kennenlernen, hat daheim Frau und Kind, aber an diesem Wochenende war er noch einmal jung. Er hat mit den Kumpels gefeiert, drei Tage lang, wie früher ist es gewesen, so ausgelassen und auch so bierselig, und nun drückt der Kater. Er steigt also ins Auto, will nach Hause fahren in die Gegenwart, und da merkt er, dass der iPod leer ist, den er mit dem alten Autoradio verbunden hat. Also muss er eine Cassette einlegen, er kramt im Handschuhfach und findet ein Tape mit der Aufschrift "Pogo Music". Er hat es 1987 aufgenommen, nun hört er es wieder, und er erinnert sich an damals: an die Zeit, als alles begann. Als er wurde, wer er ist.

"Fahrradmod" heißt der großartige Comic-Roman, der auf diese Weise beginnt, und er erzählt so treffend von den Jahren, da man zu Bewusstsein kommt, dass man gerührt dasitzt, immer weiter blättert und sich fragt, woher der Autor weiß, wie man sich damals gefühlt hat. Tobi Dahmen hat das fast 500 Seiten dicke Buch konzipiert und gezeichnet. Er ist 44 Jahre alt, und zwischen 1991 und 2008 lebte er in Düsseldorf. Er studierte visuelle Kommunikation, und er war ein Mod.

Wer nicht weiß, was Mods sind, möge sich Fotos des jungen David Bowie, des jungen Rod Stewart, der frühen The Who oder The Jam ansehen. Das ist eine Jugendbewegung, die aus ästhetischen Dingen ihren Distinktionsgewinn zieht. Mods tragen schmal geschnittene Anzüge und einen Parka darüber, sie fahren Vespa und hören Soul und Jazz. Die richtige Musik ist existenziell, ebenso wie die Wahl zum Anzug passender Socken. Der Film "Quadrophenia" aus dem Jahr 1979, in dem Sting mitspielt, vermittelt einen Eindruck von all den pingeligen Codes, die das Mod-Sein bestimmen. Bands wie Blur und Oasis nahmen später Elemente dieser Tradition auf.

Wie wird man ein Mod, wie kommt es, dass ein Jugendlicher sein Herz an solch eine Sache hängt, was geht da in einem vor? Dahmen bringt sehr schön ins Bild , wie er in der Pubertät gesucht hat, wie er Identitäten übergeworfen und ausprobiert hat, und wie er aus seiner Heimatstadt Wesel mit der Mutter nach Düsseldorf gefahren ist und im Berufsbekleidungsladen am Hauptbahnhof fündig wurde: die erste Bomberjacke. Auf die musste dann der Union Jack genäht werden.

Düsseldorf ist ein Zentrum dieses Bilder-Romans, die Stadt, in die Dahmen nach dem Abi zog, und eigentlich ist das Buch auch ein Liebeslied über diesen Lebensort. Alle kommen vor: Henry Storch und der Unique Club, die Altstadt und das Rheingold am Hauptbahnhof. Dabei ist Dahmen nie einer dieser Auskenner, kein neunmalkluger Bescheidwisser. Er überfordert nicht mit Szenejargon, und damit wirklich jeder seinen Spaß mit diesem Werk hat, gibt es am Ende ein Glossar, das wichtige Begriffe, Bands und musikalische Genres erklärt.

Dahmen erzählt davon, wie schön es einerseits ist, sich als Jugendlicher absetzen zu können, indem man das Zeichensystem einer solchen Bewegung auswendig lernt. Und wie gut es sich zugleich anfühlt, Leute zu treffen, die genauso ticken, sich für dasselbe interessieren. Seine Geschichte über den Augenblick, der ein Leben lang nachwirkt, hat genau den richtigen Ton. Sie schwebt leicht über der Gegenwart, und jeder wird sich darin wiederfinden können, ganz gleich, ob er von Mods fasziniert war, vom Punk oder sonstwas.

Die Cassette, die das gezeichnete Ich von Tobi Dahmen zu Beginn des Romans einlegt, löst all die Erinnerungen aus; ein bisschen wie bei Proust das in den Tee getunkte Stück Madeleine. Das Buch ist autobiografisch, und wenn man Dahmen heute anruft, hebt er in Holland den Hörer ab, in Utrecht. Er lebt dort mit Frau und Tochter, er arbeitet als Illustrator für Werbeagenturen und Schulbuchverlage. "Fahrradmod" begann als Webcomic, war Freizeitvergnügen, zwei Seiten pro Woche. Irgendwann schlug der Carlsen-Verlag vor, ein Buch daraus zu machen. Dahmen sagte zu, zum Glück.

Warum Holland? Er sei einst zur Plattenbörse nach Holland gefahren, sagte er. Danach ging er zu einer Party, und als er tanzte, sei der Blitz eingeschlagen. Die Frau, die er damit meint, hat er geheiratet.

Sie mag dieselbe Musik wie er.

Quelle: RP
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