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Düsseldorf
Der Klangkünstler

Düsseldorf. Man kann guten Gewissens behaupten, dass Stefan Schneider Düsseldorf zum Klingen bringt. An der U-Bahn-Station Heinrich-Heine-Allee der Wehrhahnlinie gibt es nämlich eine Klanginstallation von Ralf Brög, für die Stefan Schneider die Sounds produziert hat. Von Philipp Holstein

Wer dort aus- oder einsteigt, hört also aus sieben Lautsprechern eine zufallsgerichtete Komposition aus Vibraphon- und Synthesizer-Klängen, die sich aufeinander beziehen, miteinander korrespondieren. Der Soundtrack der Stadt, sozusagen.

Schneider selbst sitzt in einem marokkanischen Café am Hauptbahnhof. In der Nähe hat er sein Studio, und während die anderen Gäste sich im Fernsehen eine Prügelei im türkischen Parlament ansehen, spricht er über sein neues Projekt, das Plattenlabel mit dem Namen Tal. Schneider war einst Meisterschüler in der Fotoklasse von Bernd Becher an der Kunstakademie. Aber er hat immer auch Musik gemacht, ist Gründungsmitglied der Gruppen Kreidler und To Rococo Rot. Er produziert elektronische Musik unter dem Namen Mapstation und Techno als Hauntologists.

Zuletzt war er mit seinem Kompagnon Sven Kacirek mehrfach in Kenia, um zeitgenössische Musik aufzunehmen, die dort Teil des täglichen Lebens ist und bei traditionellen Zeremonien aufgeführt wird. Sie veröffentlichten zwei Alben beim Label Honest Jon's des Blur-Sängers Damon Albarn mit dem Material. "Bei der Arbeit an diesen Alben haben wir gemerkt, dass es besser ist, den gesamten Prozess von der Aufnahme bis zur Veröffentlichung zu begleiten", sagt er.

Bei der ersten Veröffentlichung auf Tal ist das gelungen. Es handelt sich um das Album "On Mande" von Ogoya Nengo And The Dodo Women's Group. Ogoya Nengo ist eine 75 Jahre alte Sängerin aus Rang'ala Village in Kenia. "Das ist unser Konzept", sagt Schneider, "dass wir die Künstler nicht nach Nairobi ins Studio bitten, sondern tatsächlich in ihre Dörfer fahren und dort aufnehmen." Zehn Stunden dauerte die Busfahrt vom Flughafen in diesem Fall. Sie haben die Musiker zunächst kennengelernt, mit ihnen gegessen, Zeit verbracht. Und dann haben sie die Musik aus dem Alltag heraus in einer Lehmhütte aufgenommen und später nicht weiter bearbeitet.

Das ist eine tolle Platte, und man ahnt, was Schneider an dieser Musik begeistert: Man hört Blockflöte, Laute, Gitarre und selbstgebaute Percussion-Instrumente. Die Faszination des Rhythmus, des Repetitiven erschließt sich vor allem jenen schnell, die von der elektronischen Musik kommen. Dazu singt Ogoya Nengo in ihrer Muttersprache Dholuo von getrennten Liebespaaren und der Politik des Dorf-Häuptlings, manchmal wird sie von einem Frauenchor begleitet. Der Gesangsstil heißt Dodo, er bleibt Frauen vorbehalten, Männer dürfen lediglich Begleitinstrumente spielen.

Tal ist nicht das erste Label, das ursprüngliche Musik aus Afrika zugänglich macht. "Das Interesse an dieser Musik ist in Japan, Europa und Amerika größer als am Entstehungsort", sagt Schneider. "Labels wie Analog Africa oder Soundway haben sich darauf spezialisiert, aber sie machen das meist retrospektiv, es gibt da einen Schwerpunkt mit Produktionen aus den 70er Jahren." Schneider geht es hingegen ums Jetzt und um die Verbindung zur elektronischen Musik.

Im Herbst will er eine Platte mit Remixen von Stücken des Ogoya-Nengo-Albums herausbringen, zu den Bearbeitern werden die Düsseldorfer Orson, Lena Willikens und Tolouse Low Trax gehören. Anfang 2017 soll es ein Album von Schneider selbst und der Künstlerin Katharina Grosse geben, die neuerdings mit dem Synthesizer arbeitet.

Nun geht Schneider erstmal mit Ogoya Nengo auf Tournee, sie haben einige Konzerttermine in Deutschland, und am Montag sind sie in Düsseldorf, im Kit Café am Rheinufer. Sie wollen die Stadt zum Klingen bringen.

Quelle: RP
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