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Düsseldorf
Sternstunde auf CD

Düsseldorf. Mit der 7. Symphonie e-Moll haben die Düsseldorfer Symphoniker unter Ádam Fischer ihren Mahler-Zyklus auf CD begonnen. Von Wolfram Goertz

Aufnahmen der Symphonien Gustav Mahlers gibt es wie Sand am Meer, neue werden eigentlich kaum noch benötigt. Fast alle bedeutenden Dirigenten haben ihren Beitrag zur umfänglichen Mahler-Diskografie geleistet, jeder wollte seine Sicht auf diese ebenso kosmische wie höchstpersönliche Bekenntnismusik präsentieren und in die Debatte werfen. Wir erinnern uns voll Dankbarkeit: an Leonard Bernsteins ekstatische Umarmung dieser Musik, an Claudio Abbados humanistische Nervosität; an John Barbirollis geniale Schwerstarbeiten; an Rafael Kubeliks schwärmerisches Schlendern; an Riccardo Chaillys geschärftes Brio; an Mariss Jansons visionäres Glühen; an Paavo Järvis architektenhafte Spurensuche.

Dass nun die Düsseldorfer Symphoniker einen Mahler-Zyklus auf CD begonnen haben, ist angesichts der Marktlage zunächst überraschend. Jene Dirigenten konnten sich der besten Orchester der Welt bedienen, zu denen mancher die Düsseldorfer Symphoniker bei aller Verehrung, Hochachtung und Liebe nicht zwingend zählen wird. Andererseits ist hier Klangluxus nur eine sekundäre Kategorie; wichtiger ist, ob ein Dirigent den spezifischen Ausdruck der Musik trifft: Sie ist naiv und tut naiv, ist gebrochen und tut gebrochen. Sie spielt auf verschiedenen Ebenen, scheint in sich verspiegelt - und ist oft einfach nur paradiesisch schön.

Als im vergangenen Jahr der Ungar Ádam Fischer seine Stelle als Chefdirigent der Düsseldorfer Symphoniker antrat, reklamierte er zwei Komponisten als Säulenheilige für sich: Mahler und Joseph Haydn. Beide verbindet eine lange Traditionslinie, es ist der österreichisch-ungarische Geist, der hier weht. Bei Mahler kommt das Phänomen des Persönlichen hinzu; in seinen Werken ist Mahler zugleich außer sich und zutiefst in sich. Und die Siebte, mit der die Düsseldorfer ihre neue CD-Serie beginnen, ist eines der Heldenlieder des Spätromantikers Mahler: Er besingt eine fast rührende Finsternis in den beiden "Nachtmusiken", legt sich im Kopfsatz schier mit der ganzen Welt an und weist im Finale bis zu den Symphonien von Dmitri Schostakowitsch voraus: eine grelle, zuweilen zirkushafte, vom hellen und hohen Blech durchschossene Musik. Schon als Fischer im vergangenen Herbst diese Symphonie im Düsseldorfer "Sternzeichen"-Konzert dirigierte, kam alles auf wunderbare Weise zusammen: Fischers Genauigkeit, sein stürmischer Impetus, seine Radikalität und Schonungslosigkeit, auch seine Liebe zur Musik und den Musikern. Wer dieses Konzert erlebte, hatte das Gefühl einer Sternstunde - und hoffte, dass dieser Moment möglicherweise in seiner Bedeutung als Beginn eines imposanten Mahler-Zyklus festgehalten würde. Schon damals sah man den Übertragungswagen und die Mikrofone von Deutschlandradio Kultur und konnte ahnen, das hier Bleibendes mitgeschnitten wurde.

Dieses Bleibende liegt nun vor, und es ist hinreißend gelungen. Holger Urbach hat die Aufnahmen (ein Zusammenschnitt mehrerer Proben und Konzertaufführungen) tonmeisterlich exzellent betreut; der Klang ist sehr perspektivisch und räumlich, und die Symphoniker lassen sich nicht lumpen: Sie spielen auf allererstem Niveau. Anders als etwa in den Bruckner-Aufnahmen der Symphoniker begegnet einem hier ein großer musikalischer Wurf, und man darf sagen: Erstmals seit den historischen Schumann-Einspielungen des Musikvereins, bei denen auch die Symphoniker beteiligt waren, spielt das Orchester wieder in einer oberen Liga.

Quelle: RP
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