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Interview
"Streetart ist für alle da"

Streetart in Düsseldorf
Streetart in Düsseldorf FOTO: Hartmann
Düsseldorf. Der Kunsthistoriker Sebastian Hartmann über den Wert von Graffiti im Stadtbild. Die Kunst ist eine andere als die im Museum. Manches ist illegal. Auch Prominenz aus der Kunstszene ist verewigt.

Herr Hartmann, was ist das Faszinierende an Graffiti?

Hartmann Die Faszination besteht darin, in der Stadt auf etwas zu stoßen, das vor einem Tag oder zwei Tagen noch nicht da gewesen ist. Also ein bunter, künstlerischer Fleck, schön gestaltet, mit außergewöhnlichen Motiven, mit auffälligem Schriftzug.

Wie würden Sie die Streetart-Szene von Düsseldorf beschreiben?

Hartmann In Düsseldorf gibt es viele Künstler, die an verschiedenen Stellen aktiv sind und ihre Spuren namentlich hinterlassen: Decycle, L.E.T., kurznachzehn oder TRIEB. Mancherorts sind die Werke von Kollektiven zu finden, zum Beispiel von Farbfieber. Das sind monumentale Mauerfronten wie am Wehrhahn, an den Bilker Arkaden oder auch auf der berühmten Kiefernstraße – vom Kreuzworträtselhaus bis hin zu den Häusern mit Märchen-, Comic- oder Fantasiemotiven.

Gibt es Schwerpunkte?

Hartmann Generell ist die Streetart sehr verstreut in der Stadt. In Bilk oder Flingern ist vermehrt etwas zu finden, aber auch in Oberkassel und der Innenstadt. Wir haben Schablonensprühereien, Paste-Ups, klassische Graffiti, Installationen, Sticker, Kreidekunstwerke auf dem Boden oder auch Urban Knitting, wo ganze Objekte mit Wolle eingestrickt werden. Wir sind zwar nicht Berlin oder Hamburg, aber wir auf einem guten Weg dorthin.

Was meinen Sie damit?

Hartmann Hamburg oder Berlin haben eine hohe Dichte an Streetart. In Hamburg kann man keine zwei Meter laufen, ohne an irgendeiner Ecke Streetart zu entdecken. In Berlin und Köln ist das genauso. Da ist das Spektrum unterschiedlicher Streetart nahezu unbegrenzt. Das ist in Düsseldorf noch nicht ganz so. Aber ich bin optimistisch.

Gibt es Künstler, die man in Düsseldorf an verschiedenen Orten wieder findet, die vermehrt auftreten?

Hartmann Auf jeden Fall. Es gibt zum Beispiel diesen Linienkünstler (Harald Naegeli, Anm. d. Red.). Man kann gut sehen, dass er mit der Sprühdose und mit einmal Ansetzen eine komplette Figur an die Wand bringt – zu finden in Bilk, am Hafen, in Flingern, in Oberkassel, in Pempelfort, in nahezu jedem Stadtteil. Die Figuren sind sehr prägnant, ein Graffiti auf den Punkt; zwischen Rheinpromenade und Ehrenhof gibt es einige davon.

Auch Prominente sind in der Streetart verewigt ...

Hartmann In den letzten Wochen tauchten besondere Figuren auf – vom Künstler MDCR. Er porträtiert Düsseldorfer Prominente im Cartoon-Format. Diese Figuren schneidet er aus und klebt sie an meist zu den Personen passende Orte – beispielsweise einen Heinrich Heine ans Heinrich-Heine-Haus, einen Markus Lüpertz an die Kunstakademie oder einen Werner Lippert ans NRW-Forum.

Sollte man Streetart legalisieren?

Hartmann Streetart ist an sich erst einmal illegal. Aber es gibt Formen wie Paste-Ups, die sich irgendwann von der Wand lösen. Da gibt es keine nachhaltigen Schäden, was meiner Meinung nach den Aspekt der Sachbeschädigung mildert. Das gilt übrigens auch für Kunstwerke aus Kreide. Ich glaube, im Falle einer Legalisierung würde es vielleicht seinen Reiz verlieren. Ich finde es gut – wie auf der Kiefernstraße oder Mintropstraße – wenn Künstler einen gewissen Freiraum erhalten, um die Stadt mitzugestalten. Ob es generell verboten oder erlaubt sein soll, muss diskutiert werden. Mit Künstlern, mit der freien und öffentlichen Kulturszene, mit der Politik, mit den Stadtbewohnern – da gibt es noch keinen richtigen Diskurs.

Wenn Sie sagen, es ist illegal, was ist dann der Antrieb der Künstler?

Hartmann Es geht darum – egal ob Graffiti in der frühen Zeit oder Streetart, wie sie heute daherkommt – zum Nachdenken anzuregen. Oft ist es mit einer Nachricht verbunden. Aber auch die Gestaltung ist wichtig. Das heißt, die Streetart-Künstler schauen, was sie wo machen können und wie es in den städtischen Zusammenhang passt. Es werden nicht nur Wände genutzt, sondern auch Stromkästen, Laternen, die Straße an sich, und, und, und. Ich glaube, es ist der Reiz, den Leuten etwas Schönes zu präsentieren, ihnen was zu erzählen und auf etwas aufmerksam zu machen. Es heißt immer: Streetart ist für alle da. Es ist eine Kunstform für jeden, der es sieht und versteht.

Anders als im Museum werden die Betrachter nicht gezählt?

Hartmann Alles ist anders als bei der Kunst im Museum, wo man Eintritt zahlt oder gezielt in eine Ausstellung geht. Jedes aufmerksames Auge kann Streetart entdecken. Es geht darum, ein bisschen versteckt zu sein und beim Betrachter so etwas wie einen Aha-, Oh- oder Wow-Effekt auszulösen. In manchen Fällen geht es sicherlich auch um so etwas wie die Ausübung von künstlerischer Macht, wenn Graffiti-Sprayer beispielsweise einen ganzen Zug zusprühen.

Das kann man doch nicht akzeptieren, oder?

Hartmann Stimmt. Denn hier befinden wir uns eindeutig in dem Bereich der Sachbeschädigung. Gleiches gilt für Wände, Bahnhaltestellen oder andere Orte der Stadt, an denen mit Sprühdose und Edding einfach nur rumgeschmiert wird. Das hat vielmehr mit Anarchie und Rebellion gegen den städtischen Raum und weniger etwas mit Straßenkunst zu tun.

Anne Hemmes führte das Gespräch

(RP/jco/ila)
 
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