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Düsseldorf
Stuckrad-Barre schüttet sein Herz aus

Düsseldorf. Der 41 Jahre alte Schriftsteller las im Zakk aus seinem neuen Buch "Panikherz". Es wurde ein euphorisierender und anrührender Abend. Von Philipp Holstein

Benjamin von Stuckrad-Barre tritt im Zakk auf, und es ist, als verbringe man einen Abend mit einem Freund von früher, mit jemandem, den man lange nicht gesehen hat, und man merkt erst im Moment des Wiedersehens, dass man einander doch sehr vermisst hat. So geht es wahrscheinlich den meisten der 380 Zuschauer, jedenfalls fühlt sich die Stimmung im Saal während der knapp zwei Stunden so an, und ähnlich denkt ganz sicher auch der Autor, der sich am Ende weit über den Tisch auf der Bühne lehnt, vielleicht um dem Publikum näher zu sein: Er hält eine Ansprache, "ganz ohne Ironie", und darin sagt er, wie glücklich er ist und was für einen großartigen Frühling er gerade erlebt. Was er meint ist, dass es schön ist, auf der Welt zu sein.

Stuckrad-Barre liest aus "Panikherz", das ist der Bildungsroman seines Lebens, darin erzählt der 41-Jährige, wie er im Elternhaus davon träumte, berühmt zu sein, und dann wird er berühmt, aber berühmt ist nicht dasselbe wie glücklich, und als er merkt, dass Drogen auch nicht ans Ziel führen, ist es beinahe zu spät. Gerettet hat ihn - in Zusammenarbeit mit einigen anderen Menschen - Udo Lindenberg, und von dem handelt denn auch die erste Stelle, die Stuckrad-Barre liest, von der gemeinsamen und sehr lustigen Einreise nach Amerika: Lindenberg auf neongrünen Socken und mit Zigarre bei der Passkontrolle. Ganz nebenbei ist Stuckrad-Barre der beste Lindenberg-Imitator der Welt, er karikiert nicht, in seinem Nachmachen ist kein Sarkasmus und kein Hohn, nur Zuneigung, es ist also genau genommen kein Nachmachen, sondern Annähern.

In den anderen Passagen, die er an diesem Abend liest, kommen weitere Helfer vor, sein Bruder etwa und der bewunderte Autor Bret Easton Ellis, der Ähnliches durchgemacht hat. Wieder Annäherung, wieder Zuneigung.

Erst während der Lesung geht einem auf, wie traurig dieses heitere Buch eigentlich ist. "Ich guckte aus dem Fenster in die Nacht, die nichts mehr für mich tun konnte", heißt einer dieser Sätze, bei denen man schlucken muss, weil sie glänzen, aber düster sind, und weil da jemand spricht, der schlimme Erlebnisse hinter Witz versteckt und Härte hinter Schönheit. Was er sagt, kann man nur begreifen, wenn man Sympathie hat und Empathie, und beides gibt es in der ausverkauften Halle des Zakk reichlich, man spürt sowas sonst nur bei Konzerten, wenn die Lieblingsband das wichtigste Lied spielt. Kokain helfe gegen das Beinkitzeln, das ihn seit seiner Kindheit plage, liest Stuckrad-Barre: "Gut, die Nebenwirkungen sind nicht ohne: komplette Zerstörung meiner Existenz. Aber es hilft gegen das Beinkitzeln."

Nach manchen Stellen überlegt das Publikum, ob es applaudieren darf, aber Stuckrad-Barre erklärt, dass Applaus immer gehe, immer gut sei, guttue. Dann erzählt er von einem Retter, der im Buch gar nicht vorkommt, von seinem drei Jahre alten Sohn John nämlich, und das ist der Höhepunkt der Lesung, weil man so etwas nur erzählt, wenn man sich wohlfühlt, und wenn einer sowas erzählt, ist das ein Kompliment an die Zuhörer. John hat immer schon nach 20 Minuten genug vom "ADHS-Wettbewerb" mit dem hyperaktiven Vater. Sein erster ganzer selbstgesprochener Satz lautete: "Ich glaube, mir geht es nicht so gut, ich möchte mich mal irgendwo hinlegen." Und der Vater sagt, dass dieser Satz ihm gezeigt habe, dass er sein Erziehungsziel erreicht hat, jetzt könne er beginnen, für Harvard zu sparen. Er selbst habe für diesen Satz 567 Seiten gebraucht.

Der Hit dieses Lese-Konzerts ist dann die sehr lustige Stelle mit dem Klassentreffen, Seiten 124 bis 128 im Buch: "Wer sagt, das müssen wir unbedingt wiederholen, will nach Hause." Sprachkritik ist das, Gesellschafts- und Menschenkunde, und danach will Stuckrad-Barre stagediven, denn "wir sind ja nicht bei Durs Grünbein im Goethe-Institut". Er stellt sich auf die Stühle in der ersten Reihe, "so wie Campino das macht - wobei der mit einem ganz anderen Körper kommt". Dann lässt er sich auf dem Rücken liegend durch die Reihen tragen, auf den Händen des Publikums, hin und zurück, und näher kann man einander nicht kommen. Als er danach am Finger blutet, bringt jemand ein Pflaster. Wenn er etwas brauche, müsse er eigentlich nur zu seinen eigenen Lesungen gehen, sagt Stuckrad-Barre. Und wahrscheinlich ist genau das die Wahrheit.

Schließlich singt Stuckrad-Barre ein Geburtstagsständchen für sein Patenkind, den zwei Wochen alten Jakob aus Düsseldorf. Am Ende mag man nicht wahrhaben, dass man diese Stimme nun nicht mehr hört; das ist wie mit dem Ende von "Panikherz": Man kann sich nicht vorstellen, wie es ist, ohne diese Weltsicht zu leben, denn im Grunde ist dieses Buch eine Zeitschrift, konzentrierte Gegenwart, und wer es liest, fühlt sich sicher und aufgehoben. Die Stimme und was sie sagt, haben dieselbe Wirkung wie die ersten Minuten von Harald Schmidts Sendungen in dessen großer Zeit, da wusste man auch, wie man die Dinge einzuordnen hatte, wie man in die Welt schauen sollte, das war lustig und klug und richtig, und das Schönste wäre, Stuckrad-Barre schriebe jeden Monat ein Buch, schriebe einfach die Gegenwart auf und mit. Das wäre es, muss ja nicht lang sein.

"Man muss aufpassen", lautet der letzte Satz von "Panikherz". Beim Verlassen des Zakk denkt man denn auch dieses: Pass auf dich auf. Und: Komm bald wieder.

Quelle: RP
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