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Bühne des Alltags
Tango, bis der Asphalt glüht

Bühne des Alltags: Tango am Rheinufer
Düsseldorf. In einer Serie stellen wir Orte im Alltag vor, die zu Bühnen im Alltag werden - so wie ein Platz für Tangotänzer am Düsseldorfer Rheinufer. Von Dorothee Krings

Dieser Platz ist eigentlich ungeeignet, mit seinen stumpfen Platten, den Fugen dazwischen, den Moospolstern darin. Nichts für hohe Absätze. Doch wenn an einem warmen Sommertag die Sonne langsam hinter den stolzen Bürgerhäusern von Düsseldorf-Oberkassel versinkt, vom Rhein kühle Luft über die Wiesen kriecht, der Fernsehturm blau leuchtet und die Passanten längst in mehreren Reihen stehen, dann ist der Johannes-Rau-Platz im Herzen Düsseldorfs der perfekte Ort zum Tangotanzen. Dann schweben die Paare leicht und wie verträumt über das Pflaster, weichgezeichnet vom Abendlicht. Und umspielt von einer Musik, die ihnen die Schritte, Wendungen, das sehnsuchtsvolle Innehalten sanft souffliert. Sofort schaffen die Klänge eine Atmosphäre aus Leidenschaft und Melancholie, die auch draußen nicht verfliegt.

Oben rauschen die Autos über die Rheinknie-Brücke, ein paar Meter weiter donnern Jugendliche mit dem Skateboard durch die Halfpipe, und am Rheinufer flanieren plaudernd die Leute. Doch wer an den Tänzern vorübergeht, wird von dieser eigentümlichen Stimmung erfasst. Passanten bleiben stehen. Fahrradfahrer steigen ab. Denn es geht ein Zauber aus von diesen Tänzern. Die so versunken scheinen in ihre Bewegungen, in die wortlose Verständigung zwischen zwei Menschen, in diese ganze Innigkeit des argentinischen Tangos. Denn der ist nicht auf Show, Effekte, Applaus aus, sondern auf die Stimmigkeit von Rhythmus, Melodie, Bewegung, auf das Einswerden von zwei Menschen und der Musik.

Am Mittag hatten Ute und Dieter Frank noch schleppen müssen. Sie sind die Anstifter dieser Freisetzung des Tangos mitten in der Stadt und sorgen für die Ausstattung des Ballsaals auf dem Asphalt. Dafür baut Dieter Frank Lautsprecher auf, schließt das Laptop mit seiner Musiksammlung an, 25.000 Titel hat er im Laufe der Jahre gesammelt. Seine Frau stellt ein schwarzes Tablett zum Brilleablegen auf und das kleine Tischchen mit Samtdecke, Gläsern, Wasser, Knabberzeug. An einer Ecke der öffentlichen Tanzfläche streut sie ein wenig Talkum auf den Boden, die Stelle ist sichtbar das ganze Jahr. Und dann kommen schon die ersten Tänzer, legen hinter der Rau-Statue ihre Taschen ab. Die Frauen hocken sich auf den Boden, schlüpfen in Riemchensandalen mit hauchdünnen Absätzen - Schuhe, mit denen man nicht gehen kann, aber tanzen. Dabei wird geklönt, man sieht sich ja nur alle paar Wochen.

Mitmachen ist erlaubt bei den Tangotänzern unterhalb der Rheinknie-Brücke in Düsseldorf. FOTO: Bretz, Andreas

Doch da spielt Dieter Frank schon diesen nostalgischen Tango "A la Gran Muñeca", lässt Klavier und Bandoneon mit stampfenden Akkorden zum Tanz auffordern, und spätestens als die Geigen sich zur schwelgerischen Melodie aufschwingen, haben sich die ersten Paare gefunden, tupfen die Schuhe noch schnell ins Talkumpulver, damit die Sohlen richtig glatt sind, schon stehen sie auf dem Platz, treten kurz auf der Stelle, wiegen einander in den Takt. Von da an ist es am Mann, durch winzige Gesten, leichte Verlagerung des Gewichts, der Frau anzudeuten, welche Richtung und Dynamik der Tanz als nächstes nehmen soll. Argentinischer Tango ist wie Jazz: sehr frei. Und sehr empfindsam.

Vor vielen Jahren hat Ina Schmedes den Open-Air-Tänzern einmal zugeschaut. Sie kam von einer Radtour, stieg auf der Rheinbrücke ab, schaute hinunter auf die Paare, die sich so still und intensiv zur Musik bewegten. Da ist es passiert, der Tango hat sie ergriffen mit seiner Sehnsucht, seiner Eleganz. Jedenfalls wusste sie gleich, dass sie auch dort unten tanzen wollte bei den Paaren auf dem Asphalt. Inzwischen gehört die Aachenerin zum festen Stamm der Draußen-Tänzer, kommt auch bei schlechtem Wetter an den Rhein, tanzt oft viele Stunden. "Ich spüre die Zeit dann gar nicht, auch wenn hinterher die Füße schmerzen", sagt sie. Auch die vielen Zuschauer vergisst sie beim Tanzen. Es geht ihr nicht ums Vortanzen, darum, dass die Passanten applaudieren, sondern um die Musik, die Bewegung, die Dämmerung, das argentinische Feeling.

Seit 2003 schlagen die Franks regelmäßig die Tango-Tanzfläche am Rheinufer auf. Über die Termine entscheidet die Wetterlage, eingeladen wird per Mail. Ein Urlaub an der Ostsee hatte das Paar auf die Idee gebracht. "Am Timmendorfer Strand haben wir zufällig Tangotänzer an der Promenade erlebt", sagt Ute Frank. "Die Atmosphäre hat uns so gefallen, dass wir etwas Ähnliches daheim auch machen wollten." So zogen sie also mit einigen anderen Paaren, die sich für den argentinischen Tango begeisterten, an diverse Orte in der Region, um deren Open-Air-Tanzbodenqualitäten zu testen. Am Rhein gefiel es ihnen am besten. Seitdem tanzen sie dort.

Ein Paar breitet nun am Rau-Denkmal eine Picknickdecke aus, setzt den kleinen Sohn darauf, versorgt ihn mit Malbüchern. Schnell zieht die Mutter die Tanzschuhe an, schon geht es los. Die Eltern des Jungen brauchen keine Sekunde, um sich aufeinander einzustellen. "Tango lernt man über die Kilometer, die man tanzt", wird der Vater später erzählen, irgendwann sei das so natürlich wie Gehen. Außerdem sei diese Art der Kommunikation für sie als Paar sehr wichtig. "Tango ist kein extrovertierter Tanz, er findet im Paar statt." Jedenfalls ermöglicht die Open-Air-Bewegung den beiden, ihr Hobby auch mit Kind weiter zu pflegen. Kein Babysitter ist nötig, umsonst und draußen ist der Sohn einfach dabei.

Genau wie die Passanten, die anhalten, Zuschauer werden - und manchmal mitmachen. An diesem Tag ist es eine ältere Frau mit leuchtend gelbem Blazer, die sich auf die Fläche wagt. Alleine schwingt sie sich in die Tango-Rhythmen, breitet die Arme aus, dreht sich wie ein Kind auf einer Blumenwiese. Ganz leicht sieht das aus. Als sei die Frau für ein paar Drehungen von jeder Last befreit. Tango kann das.

Und irgendwann setzt die Dämmerung ein, löscht im Ballsaal am Rhein langsam das Licht. Dann ist es Zeit für den letzten Tango in Düsseldorf. Für dieses Mal.

Quelle: RP
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