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Düsseldorf
Tankred Dorsts Spiel mit den Erinnerungen

Düsseldorf. "Das Blau in der Wand", eine neue Arbeit des 90-jährigen Schriftstellers, feierte im Central Premiere. Von Marion Mayer

Wie eine Matrix der Erinnerungen spannt sich ein Netz über die Bühne, verjüngt sich nach hinten, schafft klaffende Perspektiven, die manches ganz nah und doch in weiter Ferne erscheinen lässt. Die zwei Figuren, ein Mann, eine Frau, wandeln darin umher, sie sind auf der Suche nach ihren eigenen Leben, lassen in der Rückschau prägnante Momente aufscheinen wie in einem Kaleidoskop des Lebens. Tankred Dorsts neues Stück "Das Blau in der Wand", eine Koproduktion mit den Ruhrfestspielen, feierte nun seine Düsseldorf-Premiere im Central des Schauspielhauses.

"Schön, dass es weitergeht", lautet der erste Satz programmatisch. Das Stück geht sofort mittenrein, liefert in kurzen Dialogen Stationen zweier Leben, das die mittelalten Figuren, temperamentvoll angelegt von Karin Pfammatter und Heikko Deutschmann, offenbar miteinander geteilt haben.

Eine Schwangere sitzt auf der Bank, doch das Kind stammt nicht von dem Mann neben ihr, den sie gerade erst kennenlernt. Es geht um den Vater des Kindes, der nur Kisuaheli spricht, um Missverständnisse und die Schwierigkeit von Nähe. Dann kommt wieder ein Sprung, denn das Stück kennt keine Chronologie. Er redet gerne, vor allem über sich, sie handelt lieber oder schwärmt von Ganymed, ihrem Sohn, den sie liebevoll Ganny nennt, auch wenn er eine Artilleriegranate mit nach Hause bringt. Sie träumen von einem Leben in einer anderen Stadt ("Moskau oder Marrakesch"), von der Option einer anderen Existenz. Sie machen Selfies, versichern sich ihrer Liebe.

Der kurzweilige Schlagabtausch der beiden ist mal spielerisch, mal wird er mit spitzen Waffen geführt. Die Regie von David Mouchtar-Samurai konzentriert sich ganz auf die Figuren, lässt sie ohne Übergänge Stimmungen und Atmosphären wechseln. Der Mann, ein Schriftsteller in grauer Strickjacke, ist mal aufbrausend, mal säuselt er ihr zärtlich ins Ohr. Sie ist der clevere Gegenpart im eleganten schwarzen Kleid, quirlig, direkt, manchmal bissig, nur wenn es um den Sohn geht alles verzeihend. "Die Wahrheit interessiert mich nicht", sagt er einmal. Im Blick zurück schafft man sich eine eigene Realität. Unter dem Licht einer überdimensionierten Schreibtischlampe (Bühne und Kostüm: Heinz Hauser) schält sich trotzdem vieles punktuell heraus, verschränkten sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

"Wir waren immer zu dritt, du und ich und der Tod", heißt es einmal. So ist der Tod als Spielmacher (Ralf Harster) immer anwesend und behält auch das letzte Wort. Am Ende gibt es herzlichen Applaus, auch für den 90-jährigen Tankred Dorst, den Intendant Wilfried Schulz von seinem Platz abholte - ein bewegender Moment.

Quelle: RP
 
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