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Düsseldorf
Tanzen mit den Posen aus der "Vogue"

Düsseldorf: Tanzen mit den Posen aus der "Vogue"
Archie Burnett war dabei, als in den 1970er Jahren in den Straßen von New York der Tanzstil "Voguing" entstand. Er ist ihm bis heute treu geblieben und gibt sein Können derzeit im Tanzhaus NRW an junge HipHoper weiter. Burnett ist 56. "Wie lange man tanzt, entscheidet man allein im Kopf", sagt er. FOTO: Andreas Bretz
Düsseldorf. Das Tanzhaus NRW ist derzeit Arena für urbane Tanzformen. Mit dabei: der legendäre "Voguing"-Tänzer Archie Burnett (56) aus New York. Von Dorothee Krings

Es war nach einer durchtanzten Clubnacht im New York der 1970er Jahre: Archie Burnett streunte durch den Washington Square Park, noch benommen von der Nacht, der Musik, all dem Spaß, den er gehabt hatte. Da sah er zum ersten Mal diese Bewegungen: Im Park tanzten Jugendliche, indem sie die Posen von Models nachahmten, doch zerlegt in Momentaufnahmen, als sehe man das Blitzlichtgewitter der Modefotografen gleich mit.

FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Manchmal sah das aus, als stellten die Jungs mit ihren Körpern ägyptische Hieroglyphen nach, aber blitzschnell, zu den Beats der Zeit. Dann wieder sahen sie aus wie Kung-Fu-Kämpfer oder Soldaten. Das hatte etwas höchst Künstliches und Gedrilltes, das Archie sofort ansprach. "Diese Symmetrie hat mich angezogen", sagt Burnett. "So wollte ich mich auch bewegen, ich wollte das lernen, sofort."

Das ist nun fast 50 Jahre her. Archie Burnett hat den neuen Tanzstil von der New Yorker Straße in die Clubs gebracht - und wurde zur Legende in der Szene. Auf der Tanzfläche, umringt von anderen Tänzern, hat er mit seinen Freunden die neuen Bewegungsmuster perfektioniert. "Der Club war unser Klassenzimmer", sagt er und hebt die Augenbrauen, als wollte er sagen: Verstehst Du? - So war das damals!

FOTO: Bretz, Andreas (abr)

Jedenfalls entstand damals im Milieu der afroamerikanischen homosexuellen Subkultur eine Tanzart, die bis heute bekannt ist - als "Voguing". Denn es waren die Models von der Zeitschrift "Vogue", diese edlen Wesen mit ihren arroganten Posen, von denen sich die Jugendlichen auf den Straßen inspirieren ließen.

Für Burnett ist "Voguing" allerdings nicht irgendeine Mode, die kam und ging. Der Tanz wurde seine Energiequelle, das, was er "tankt, um zu leben", sagt er. Nach der Schule fing er an, bei den New Yorker Verkehrsbetrieben zu arbeiten - als Putzkraft in den Waggons. Seine Vorgesetzten bekamen bald mit, dass mehr in ihm steckte und boten ihm Aufstiegsmöglichkeiten an. Doch Burnett wollte den Job nur für den Lebensunterhalt. "Von morgens 7 bis 15 Uhr hab ich geputzt, dann ging ich tanzen", sagt er und lacht. "Das sage ich auch den Jugendlichen, die ich heute unterrichte: Schlafen könnt ihr, wenn ihr tot seid." 29 Jahre hat Burnett bei den Verkehrsbetrieben gearbeitet, bis zu seiner Pensionierung. Er habe dort eine Menge gelernt, habe beobachtet, wie Menschen miteinander umgehen und habe das in den Tanz getragen. "Ich wollte nie für den Beruf da sein, der Beruf sollte für mich da sein, für das, was mir wirklich wichtig ist", sagt er. Das war der Tanz, die Kreativität in der Bewegung, die Perfektion in der Ausführung. "Street Dance verlangt dieselbe Disziplin wie klassisches Ballett", sagt Burnett. "das sind nur unterschiedliche Ausdrucksformen, entscheidend ist, dass man nicht für Erfolg oder Geld tanzt, sondern aus Liebe."

Darum beobachtet Burnett auch skeptisch, wie sich die HipHop-Szene professionalisiert und die Wettkämpfe, die "Battles", immer wichtiger werden. "Eine Battle war für mich immer eine soziale Arena, in der man tanzt, um seine Ideen zu teilen, nicht um zu siegen", sagt Burnett. Trotzdem schätzt er das Wetteifern junger Tänzer und betätigt sich als Juror wie gerade im Tanzhaus NRW, wo am Wochenende eine große Veranstaltungsserie zum Thema "Physical Dramaturgy" und urbane Tanzformen begonnen hat. Heute und morgen gibt Burnett dort auch noch Workshops.

Der Tanz habe ihn, das Einwandererkind, vor vielen Dummheiten bewahrt, sagt Burnett. "Die Musik war meine Droge, der DJ mein Dealer", sagt er. Getrunken oder Drogen genommen hat er nie, das wäre schlecht gewesen fürs Tanzen. Darum versucht er seine Begeisterung an Jugendliche weiterzugeben, ihnen vorzuleben, wie reich es macht, die Leidenschaft seines Lebens zu finden.

Dann hört man auch mit 56 Jahren nicht auf. "Das entscheidet man im Kopf", sagt Burnett, "wenn die Beine nicht mehr wollen, werde ich mit den Schultern tanzen oder mit dem Kopf." Dann hebt er wieder die Augenbrauen, zuckt rhythmisch mit den Schultern. Nur ganz kurz. Und man kapiert, was es bedeutet, wenn Tanzen Liebe ist.

Quelle: RP
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