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Düsseldorf
Tobias Kochs Liebe zu reifen Flügeln

Düsseldorf. Der 1968 in Kempen geborene, in Düsseldorf lebende Tobias Koch gilt als Fachmann für historische Tasteninstrumente. Auf neuen CDs mit Werken von Burgmüller, Schumann und Brahms beweist er seine Brillanz und sein Stilgefühl. Von Wolfram Goertz

Es ist ein trauriges Kuriosum der Musikgeschichte, dass drei der begabtesten Komponisten, die Düsseldorf im 19. Jahrhundert erlebt hat, an neurologischen Krankheiten litten, die Ärzte heute gut behandeln können. Robert Schumann, ein arger Bluthochdruck-Patient, bekam einen Schlaganfall und starb an den Folgen einer Neurosyphilis; auch Felix Mendelssohn Bartholdy wurde vom Schlag hinweggerafft. Norbert Burgmüller schließlich litt an Epilepsie und verstarb beim Baden in der Aachener Quirinus-Therme nach einem Anfall – er ertrank.

Jetzt rückt uns der Pianist Tobias Koch diesen Sturmgeist Burgmüller (1810–1836) nahe – Koch hat dessen Klavierkonzert fis-moll op. 1 aufgenommen.

Schon in den ersten Takten bestätigt sich, dass wir hier ein grandioses kompositorisches Talent vor uns haben, das die Kollegen Mendelssohn und Schumann zu Recht sehr schätzten. Da gibt es kühne Verläufe und harmonische Grenzgänge, eine Haltung des unbedingten Vorwärts. Ein Komponist, der es wissen will und in seinem Opus 1 den ganz großen Coup landen will. Das glückt ihm.

Es glückt aber auch, weil Tobias Koch in seiner Aufnahme auf ein wunderbares Instrument zurückgreifen konnte: auf das 1849 gebaute "Pianoforte Ignaz Bösendorfer" (aus der gleichnamigen Wiener Klaviermanufaktur und aufbewahrt in der Sammlung Claviersalon Miltenberg/Main).

Koch hat geahnt, dass man für dieses Werk ein Pianoforte nutzen musste, das angesichts einer orchestral stattlich gefüllten Partitur eine gewisse Durchsetzungskraft durch Obertonreichtum bieten musste. Gleichwohl sollte das Klavier nicht klirren, sondern mit seinen Tönen über die gesamte Klaviatur Wärme abstrahlen.

Koch ist der rechte Musikus, dass das kostbare Instrument nicht zum Heizöfchen degeneriert. Er entlockt ihm silbrige Linien, die aus Perlmutt gewirkt scheinen, und kann sich so unterordnen, dass man den musikhistorisch pikanten Fall eines frühen sinfonischen Konzerts erlebt, bei dem Soloinstrument und Orchester gleichberechtigt sind. Der Effekt gelingt aber auch, weil in der Hofkapelle Stuttgart (auf historischen Instrumenten) unter Frieder Bernius feine Musikanten spielen.

Koch, 1968 in Kempen am Niederrhein geboren, hat sich mittlerweile einen weit beachteten Ruf als Experte gemacht – was nicht bedeutet, dass er nur etwas von alten Filzen und Hämmerchen verstünde und manuell in der Regionalliga spielte. Nein, Koch verfügt über die Brillanz und Virtuosität, um die Schmuckstücke unter seinen Händen rauschen und leuchten zu lassen.

Der Weg zu dieser Kompetenz war vielfältig. Koch studierte in Düsseldorf, Wien, Graz und Zürich; seine Lehrer waren David Levine, Roberto Szidon, Jos van Immerseel und Malcolm Bilson – schon in dieser Dozentenwahl zeigt sich Kochs Neigung, Inspirationen von verschiedenen Seiten einzufangen und zu verarbeiten. Seit langem ist Koch europaweit unterwegs, gastiert bei renommierten Festivals und reüssiert auch als Programmheftautor und Fachmann für historische Tasteninstrumente.

Als Wahl-Düsseldorfer kommt Tobias Koch an Robert Schumann natürlich nicht vorbei, von dem er jetzt abermals selten gespielte Klavierstücke auf Platte aufgenommen hat – die Bunten Blätter op. 99 sowie die Albumblätter op. 124. Komplettiert wird dieser Spaziergang in die pianistische Romantik durch drei Albumblätter aus Johannes Brahms' Feder, Kompositionen von Theodor Kirchner und Woldemar Bargiel, beides Meister aus Schumanns Dunstkreis; Bargiel war mit ihm sogar verschwägert. Wie auch in der Burgmüller-CD hat Koch ein feines Instrument ausgesucht, diesmal ein Pianoforte von Johann Nepomuk Tröndlin, gebaut 1830 in Leipzig.

Kleinodien, längst vergessen? Unter Kochs Händen gelangen sie zu ungeahnter Deutlichkeit.

Quelle: RP
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