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Düsseldorf
Tod eines Tänzers

Düsseldorf: Tod eines Tänzers
Bogdan Nicula in Martin Schläpfers Ballett "Die Kunst der Fuge". FOTO: Gert Weigelt
Düsseldorf. Mit 35 Jahren ist Bogdan Nicula an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS gestorben. Martin Schläpfer, Chef des Rheinoper-Balletts, hatte den Rumänen von Mainz nach Düsseldorf mitgebracht und ihm zahlreiche Partien anvertraut. Von Regina Goldlücke

Tanz und Musik waren sein Leben. Der Tanz wurde ihm vor Monaten durch ein grausames Schicksal entrissen. Die Musik aber begleitete ihn bis in den Tod. Bogdan Nicula wünschte sich Mozart für seine letzte Stunde. Er war bei klarem Verstand, hatte seine Liebsten um sich geschart und fühlte sich geborgen. Sie blieben im Solinger Krankenhaus Bethanien bei ihm, bis der letzte Vorhang fiel. Ein Bild, das zu dem gefeierten Solotänzer von der Deutschen Oper am Rhein passt. Mit 35 Jahren starb Bogdan Nicula an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS.

Vor der gestrigen Aufführung "b.22" informierte Ballettdirektor Martin Schläpfer das Publikum über den Tod eines seiner besten Tänzer. Er hatte den jungen Rumänen 2001 nach Mainz geholt, 2009 nach Düsseldorf mitgenommen und ihm zahlreiche Partien anvertraut. Als Nicula erkrankte und sicher war, dass er nicht mehr auf die Bühne zurückkehren würde, widmete ihm Schläpfer seine Uraufführung "Verwundert seyn - zu sehn" aus dem Abend "b.23".

Mit rasender Geschwindigkeit hatte das tödliche Leiden ALS in Bogdan Niculas durchtrainiertem Körper gewütet und ihn vernichtet. Drei Buchstaben, die für unendliche Qualen stehen. Der Muskelschwund bei der "Amyotrophen Lateralsklerose" ergreift nacheinander Arme und Beine, das Gesicht, die Organe. Dieser durch kein Medikament und keine Therapie zu stoppende Prozess verläuft bei den Betroffenen unterschiedlich schnell, aber nur selten so extrem wie bei dem Tänzer. Kaum fassbar, dass er noch im September 2014 in kühnen Sprüngen über die Bühne wirbelte.

Damals gastierte die Compagnie mit dem Ballett "Deep Field" in Maastricht. Wie kurz zuvor in der "Großen Fuge" meisterte Nicula die kompliziertesten Schrittfolgen, kraftvoll und sprühend. Danach fühlte er sich müde. Ohne dass es ihm gleich bewusst wurde, registrierte er motorische Defizite. Nicht nur beim Tanzen, auch im Alltag. Die Einschränkungen steigerten sich schnell, machten ihm Angst und zwangen ihn zu zahlreichen Untersuchungen. Bis es im Dezember keinen Zweifel mehr an der Diagnose ALS gab.

Damit musste Nicula sein Todesurteil entgegennehmen. "Ich konnte den Schock erst noch verdrängen", sagte er Ende Januar, als ihm das Atmen bereits schwerfiel und er über eine Magensonde ernährt wurde. "Alle Energie brauchte ich für mein großes Projekt." Vor Weihnachten arbeitete er an der choreografischen Umsetzung der Klavierkomposition "Kriegssonaten" von Sergej Prokofjew, die Anfang Januar zwei triumphale Vorstellungen im Düsseldorfer Ärztehaus hatte. "Mein Schwanengesang", so kommentierte Bogdan nach der Uraufführung. An diesem Tag saß er zum ersten Mal im Rollstuhl, trotzdem leuchtete er vor Glück. Unter den Mitwirkenden war der für ihn wichtigste Mensch: sein Freund Helge Freiberg, Tänzer wie er und zeitweise ebenfalls in der Düsseldorfer Compagnie. Helge wich fortan nicht mehr von Bogdans Seite, quittierte dafür sogar sein Engagement an der Oper in Oslo. Wer die beiden in der frisch bezogenen ebenerdigen Wohnung miteinander sah, spürte einen Kloß im Hals - so selbstverständlich, so behutsam und so liebevoll pflegte Freiberg den Gefährten. Und wenn ihn jemand auf die enorme Anstrengung ansprach, die seine Aufgabe ihm abverlangte, sagte er nur: "Man wächst rein. Bogdan ist immer noch Bogdan. Seine Seele hat sich nicht verändert." Auch sein Kämpferherz bewahrte sich der Kranke mit beeindruckender Stärke. Doch zuletzt schwanden ihm die Kräfte. Vor wenigen Tagen verabschiedete sich Bogdan Nicula auf seiner Facebook-Seite von seinen Freunden in Rumänien: Er müsse nun bald von dieser Welt gehen. Aber er habe durch den Tanz ein wunderbares Leben gehabt. Das sagte er auch seinen Betreuern im Krankenhaus und den Freunden, die in seiner Todesstunde um ihn waren.

Quelle: RP
 
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