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Düsseldorf
Triumph des Schauspiels

Düsseldorf. "Hexenjagd" war die letzte Premiere der ersten Spielzeit von Wilfried Schulz. Sie zeigte, dass seine Pläne aufgegangen sind. Von Annette Bosetti

"Wir haben doch nur getanzt", sagen die aufgedrehten Mädchen in ihren weißen Kleidern. Sie tragen das durchnässte Haar offen, die Augen haben sie weit aufgerissen. Sie sind in dem Alter, in dem die Hormoncocktails der Pubertät einschießen wie die Milch in die Mutterbrust. War da noch etwas außer Tanzen? Der Pastor hat sie in der Nacht im Wald überrascht. Vielleicht sogar nackt gesehen. Nun sind sie fertig, weil eine von ihnen eine üble Befindlichkeit zurückbehalten hat. Betty liegt wie tot im Bett, von Krämpfen geschüttelt. Dann erbricht sie eine seltsame Flüssigkeit. Der Gottesmann, der ihr Vater ist, findet die Mädchen verändert, jenseitig. Was, wenn eine vom Teufel besessen ist und die anderen in der Nacht mit sich gezogen hat? Schnell ist von Hexerei die Rede, ein Gerücht in der Welt. Die Jagd ist eröffnet, der Teufelsaustreiber schon bestellt.

Das Stück mit der Kraft zur Parabel schrieb der jüdische US-Dramatiker und Moralist Arthur Miller 1952, die historische Vorlage liefert die Gemeinde Salem in Massachusetts, wo nach ähnlichen nächtlichen Vorgängen im Wald 1692 schottisch-englische Puritaner mehr als 20 Menschen hinrichteten. Am Wochenende feierte Miller in der Inszenierung des Russen Evgeny Titov im Düsseldorfer Schauspielhaus Premiere, der Not gehorchend im Kleinen Haus, der Ausweichspielstätte Central. Titov schaut vor allem tief in die Seelen der vielen handelnden Personen hinein und legt dabei menschliche Antriebe und Regungen frei. Wie sich zu Liebe Eifersucht gesellt und in Rachsucht endet, wie trotz eigenen Besitzes Gier und Missgunst anschwellen. Oder wie eine ganze bürgerliche Gemeinde, eine Stadt, ein Land nicht wissen, mit Lüge, Wahrheit und Vertrauen umzugehen. Jede Gesellschaft leidet unter diesen Sollbruchstellen, die Misstrauen befördern, Hysterie und Hass beschleunigen, Denunzierung provozieren. Besonders in totalitären Systemen. Hexenjagd ist immer.

Das Bett ist einziges Möbel der Bühne, die Mädchen hocken hoch oben auf einer Empore im weiß gekachelten Saal. Man weiß nicht recht, ob es ein Raum der Anatomie oder das Wasserbecken einer Schwimmhalle ist. Von allen Seiten strömen die Handelnden hinzu. Mit Schnitten, Dunkelheit und stählernen Schlägen unterbricht die Regie einzelne Sequenzen, um das mitunter grauenvolle Treiben fortzusetzen. Der Regisseur will das Massenphänomen herausarbeiten: Dass das Mädchen Abigail ein ganzes Dorf vernichtet, bloß weil der verheiratete Landmann Proctor, mit dem es eine Affäre hatte, nichts mehr von ihm wissen will. Und dass Proctor am Ende unbeugsam bleibt, der Wahrheit verpflichtet, seinen Namen, seine Ehre retten will, wofür er sein Leben hergeben muss.

Mit hochdramatischer Kraft setzt die Regie auf die Schauspieler - man hätte es auch anders, abstrakter, straffer machen können. Doch diese Version besticht mit Spannung und Erzählkraft. Die Zuschauer sind vor allem im ersten Teil gefesselt. Drei Stunden hält das nicht an, manche Figur, wie der Stellvertreter des Gouverneurs (Florian Lange spielt das trotzdem großartig), hätte subtiler angelegt werden können. Wie ferngesteuert handelt Proctors Freund Corey (Markus Danzeisen).

Es gibt fast nur böse Menschen in diesem Hexenspiel, die gierige Großgrundbesitzerin (Esther Hausmann), die freilich in einer klügeren (Manuela Alphons) ihren Gegenentwurf findet. Die Geistlichkeit (Thomas Wittmann) ist so durchtrieben wie der Exorzist (Stefan Gorski), der Schreiber wird bei Andrei Viorel Tacu zu einer üblen Figur. Die Mädchen - Cennet Rüya Voß, Bianca Twagiramungu, Tabea Bettin, Janna Gangolf und die bestechende Lieke Hoppe - sind das Treibmittel des Bösen.

Für das Gute stehen die Eheleute Proctor, für wahre Liebe, wenn auch von einem Seitensprung überschattet. Sebastian Tessenow und seine Bühnengattin (Judith Bohle) fesseln mit großartigem Spiel und Wahrhaftigkeit. Die Hexenjagd kommt an. Regisseur Titov küsst jeden einzelnen Schauspieler im Applausregen. Eine große Geste, die auch Intendant Wilfried Schulz bedenkt. Es ist die letzte Premiere seiner ersten Spielzeit. Es scheint, er hat fast alles richtig gemacht. Das Publikum ist hochzufrieden, das Ensemble auf Topniveau, der Spielplan ist aufgegangen.

Quelle: RP
 
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