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Düsseldorf
Unbeholfenheit kann so rührend sein

Düsseldorf. Das Tanzhaus eröffnet die Saison mit dem Erfolgsstück "Gala" von Jérôme Bel. Der Choreograf bringt Kinder und Laien auf die Bühne. Von Thomas Hag

Vor dem Tanz gibt es den Blick auf die Bühnen der Welt. Fotos im Hintergrund zeigen sie, die großen, die kleinen, die prächtigen und die nüchternen, vom Amphitheater bis zum Burgtheater. Manchmal reichen ein paar Stühle auf dem Rasen. All diese Bühnen sind leer. Im Tanzhaus füllt zur Spielzeiteröffnung der französische Choreograph Jérôme Bel die Spielfläche mit Leben. Und wie bunt und unterschiedlich dieses Leben sein kann! Denn für die Düsseldorfer Version seines Erfolgsstücks "Gala" besetzt Bel die 18 Rollen weitgehend mit Nicht-Tänzern, bringt Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Alte auf die Bühne, eine Rollstuhlfahrerin ist auch dabei, die wird zeigen, dass man auch mit dem Oberkörper und dem Gefährt tanzen kann. Dabei zeugt schon der Titel von einer gewissen Subversivität. Denn unter einer Gala versteht man doch etwas Opulentes, Elegantes. Hier reichen die Rückseiten eines Kalenders, mit Filzstift geschrieben stehen dort die einzelnen Kapitel des Abends.

Die Tänzer und Tänzerinnen beginnen mit klassischen Tanzübungen wie der Pirouette oder dem Sprung, und ganz schnell wird deutlich, worin der Reiz dieser Aufführung entsteht. Nicht das Perfekte steht im Fokus, sondern der Mensch, und der ist selten perfekt. "Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern." Dieses Motto des Schriftstellers Samuel Beckett schwebt über allem. Zweierlei fällt auf: wie schwer sind doch schon die scheinbar einfachsten Übungen, wie schwer würden sie einem selbst fallen. Würde man bei der Pirouette nicht auch die Balance verlieren, würde der eigene Sprung nicht ebenso plump ausfallen? Bel gesteht seinen Akteuren das Scheitern durchaus zu, er weiß, dass es hier nicht um ein Können geht, das nur durch jahrelanges Training erreicht werden kann.

Die eine Frage stellt man sich nur kurz: Warum sollte man sich Menschen auf der Bühne ansehen, denen dieses Können offenbar fehlt? Die Antwort lautet: weil es Menschen sind, weil ihre Persönlichkeiten sich in der tänzerischen Bewegung spiegeln, weil sie in ihrer Unbeholfenheit, ihrem Bemühen den Betrachter berühren. Und weil es erhellend ist, wenn immer wieder die Einheit von Körper und Bewegung aufscheint. Die fehlt bei dem einst von Michael Jackson kreierten "Moonwalk"; nur ganz wenige schweben da elegant über den Boden, aber das ist ja auch richtig schwer. Die Patzer sorgen auch für Gelächter, aber das Lachen ist frei von Häme, das hört man. Und beim Walzer geht es schon weitgehend fehlerfrei ab.

Nach den Einzeldisziplinen finden sich die 18 Tänzer zu größer angelegten Choreographien zusammen, wechseln auch mal die Kostüme untereinander, was einen hübschen Cross-Dressing Effekt zur Folge hat. Zu Musik von Klassik bis Pop finden sich die Akteure zu teils erstaunlichem Miteinander, auch wenn der Fehler immer wieder seinen Platz findet. In der Computersprache gibt es den "glitch", eine Art Fehler im System, den man aber auch als willkommene Bereicherung sehen kann, wie in der elektronischen Musik. So ist das auch hier. Wenn Tambourstäbe Teil der Choreographie werden, regiert ein solches Chaos beim Auffangen - oder besser Fallenlassen - der Stäbe, dass es schon wieder eine heitere Dimension gewinnt.

Neben dem Wohlfühl-Faktor der Unterhaltung hat Bels Arbeit auch eine politische Dimension, denn er praktiziert die Begriffe, die derzeit so hoch gehandelt werden, Partizipation und Inklusion. Und er fordert zum Nachdenken über das auf, was man von Kunst erwartet. Das Modell von "Gala" mag nicht generell zur Nachahmung geeignet sein, aber es ist weit mehr als eine singuläre Erscheinung. Großer Beifall.

Quelle: RP
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