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Düsseldorf
Und vor der Ausstellung bitte einchecken

Düsseldorf. Im Hotel "Best Friends" hat Wilko Austermann eine zeitgenössische Antwort auf Jean Tinguelys kinetische Kunst gefunden. Von Annette Bosetti

Die Kinetik lebt. Auch in der zeitgenössischen Kunst. Das sagt ein junger Kurator, der das Staunen noch nicht verlernt hat. Das Staunen über Jean Tinguely im Museum Kunstpalast, das er vergrößern, verstärken und gedanklich fortführen will in die Jetztzeit. Parallel zu Tinguely, dem Meister der bewegten Kunst, lädt Wilko Austermann in ein Hotel - eine ungewöhnliche Ausstellungsplattform. "Es ist ein Ort für Kunst, der viel öffentlicher ist als ein Off-Raum", sagt Austermann, "denn hier tritt ein jeder Gast in den Dialog mit Kunst. Ob er will oder nicht."

Geht man die Arbeiten anschauen, die "Kinetic Circle" als Titel vereint, begibt man sich zur Rezeption, checkt ein, erhält Broschüren sowie einen Brief vom Kölner Medienkünstler Florian Egermann. "Liebe Gäste", beginnt das Schreiben, in dem er seine Handynummer angibt und um Kontaktaufnahme bittet. Engermann ist in den Hotelzimmern aktiv geworden, auf geheimnisvolle Weise und mit einem weißen, alle menschlichen Spuren aufnehmenden Quadrat an der Wand kommuniziert er mit dem Gast.

Das Hotelpersonal an der Rezeption führt einen zunächst in den unterirdischen Bereich. Früher wurden in den dunklen, kühlen Räumen Waren gelagert, jetzt ist viel Platz. Platz, den das kinetische Objekt, die Skulptur unbedingt benötigt, da sie sich im offenen Raum ausbreitet. "Zeitgenössische Alchemisten" nennt Austermann seine Künstler. Seit Jahren besucht der 26-jährige Masterstudent der Kunstgeschichte alle für ihn erreichbaren Ausstellungen und notiert seine Eindrücke, die er in Mappen einsortiert. Kommt es zur Ausstellung, wie jetzt zum dritten Mal, zieht er die passenden Künstler aus seinem Archiv heraus und bittet zur Präsentation.

Austermann, der in dem kleinen Ort Lippe nahe Detmold geboren ist, hat sich schon mit 14 Jahren selbstständig auf Kunstexpeditionen begeben. Mit dem Ferienticket der Bahn nahm er alle wichtigen kunsthistorischen Städte in Nordrhein-Westfalen in Augenschein, besuchte Museen, Kunstvereine und Akademierundgänge. Dabei ließ er die Kathedralen und historischen Denkmäler nicht links liegen. Mit seinen jungen Jahren ist Austermann ein ausgezeichneter Kenner. In ihm brennt ein Feuer für das Zeitgenössische, das ungemein ansteckend wirkt.

Vier Positionen sind im Kellergeschoss aufgebaut zum "Kinetic Circle". Programmatisch simulieren alle Künstler in ihren formschönen Arbeiten einen dynamischen Kreislauf. Wasser plätschert, Ventilatoren rotieren, eine Puppe dreht sich vor einer Videokamera, eine Grenzschranke geht hoch und runter, rotiert dabei - was irritierend ist.

Die Werke weisen stets über das Formale und Ästhetische hinaus, wie bei Hakan Erens Arbeit "Mittelmeer". 2000 Weinkorken hat der Student von Katharina Fritsch auf einem Untergrund verbaut, mit einer Kurbel wird das Bild von hinten zu Wellenbewegungen animiert, dabei ächzt, knarzt und rauscht es. Als politisch brisant empfindet man diese Arbeit, die Assoziation zu Flüchtlingsschiffen, zum Knarren der Holzboote und zur gefährlichen Brandung ist nicht weit hergeholt.

Eren hat auch einen elektrischen Stuhl für Kinder gebaut. Das mutet grausam an, selbst wenn es nur ein Kunstobjekt ist. Rot und blau ist das Stühlchen angemalt, das unter Strom vibriert. Rechterhand ist ein Gewehr befestigt; zieht man an der Schnur links, ertönt der Radetzky-Marsch. Eren bezieht sich als Sohn türkischer Einwanderer in seinem Werk auf seine Kultur und Biografie.

Ganz andere Phänomene der Gesellschaft spießt Oskar Klinkhammer auf. Er verbaut Pelz, Goldketten und Gebisse mit verfaulten Zähnen zu einer hochstehenden Arbeit, die er "The Surrender Club" nennt - ein Angriff auf die Kaste derer, für die mehr Schein als Sein zählt.

Neben den zwei Arbeiten von Selma Gültoprak sticht das dünnste, feinste, filigranste Werk ins Auge: Denise Werth arbeitet, wenn man so will, am kinetischsten. Sie bringt die Geheimnisse der Physik in einem fein rotierenden Faden zum Ausdruck, der sich zu Sinuskurve als Skulptur fügt. Auch auf der großen Dachterrasse darf sich Kunst ausbreiten. Das geht, weil das "Best Friends" kein traditionell, also langweilig, eingerichtetes Hotel ist, sondern weil es in einem ehemaligen Kaiser's Supermarkt entstand. Im Eingang empfängt einen die gut gefüllte Theke aus alten Zeiten. Dieses Hotel ist für sich genommen schon ein Kunstwerk mit erlesenen Vintage-Möbeln und Designartikeln, mit Bio- und Musikzimmern, einer Punk-Etage und Original-Sportgerät aus der Schule.

Quelle: RP
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