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Düsseldorf
Unverwüstliche Metaller

Düsseldorf: Unverwüstliche Metaller
Dirigent Ádám Fischer FOTO: diesner
Düsseldorf. Motörhead gastierte in der Mitsubishi Electric Halle. Die Fans interessierte vor allem der Gesundheitszustand von Bassist und Sänger Lemmy. Beruhigende Botschaft: Im Verlauf des Abends wurde der Künstler immer munterer. Von Max Florian Kühlem

Umgekehrte Welt: Die längsten Schlangen sieht man in der Mitsubishi Electric Halle vor dem Herrenklo. Motörhead haben sich angekündigt, die neben Dinosauriern wie AC/DC oder Black Sabbath zu den wenigen überlebenden Heavy-Metal-Pionieren gehören und heute wie vor 40 Jahren einen zeitlosen, bluesbasierten Hardrock spielen. Das Publikum der Briten ist im Durchschnitt über 50, überwiegend männlich und in Fledder-Jeans oder komplett schwarzem Outfit vollzählig angetreten: 7200 Fans haben während der Vorbands Girlschool und Saxon viel Zeit, die Bierstände zu frequentieren. Kurz vor neun kommt es dann zum Toiletten-Engpass, denn Lemmy Kilmisters Auftritt will natürlich niemand verpassen.

Als Motörhead um 21.20 Uhr die Bühne betreten, schießen Smartphones in die Höhe, wie man es sonst nur von Miley Cyrus oder Rihanna kennt. Die Leute wissen: Es steht schlecht um Lemmys Gesundheit. Der legendäre Bassist und Sänger ist von Whisky auf Wodka umgestiegen. Klare Drinks seien besser für seine Gesundheit, habe ihm ein Arzt geraten. Jetzt steht er auf der rechten Bühnenseite wie ausgelaugt, wie angeschossen. Unter dem schwarzen Hemd zeichnet sich ein dürrer Oberkörper ab. Mit seiner typischen Kombination aus Schnauz und Backenbart sieht er aus wie "Easy Rider" Dennis Hopper, dem man das Motorrad genommen hat.

Draußen tobt ein Sturm, und drinnen entzünden Gitarrist Philip Campbell und Schlagzeuger Mikkey Dee ein wild loderndes Feuer. "Bomber" vom gleichnamigen Album von 1979 ist die klassische Eröffnung der Band, und seine Mitmusiker bauen Lemmy Kilmister darin ein fest sitzendes Korsett aus Doublebass-Salven und Hochgeschwindigkeits-Läufen. Doch der Frontmann braucht ein wenig Zeit, um warm zu werden. Auch beim ikonischen "Stay Clean" vom Album "Overkill" wedelt seine Hand nur schlaff über den Bass, und sein Gesang wirkt noch heiserer und erstickter, als man's vom ihm gewohnt ist - zu verstehen ist kaum etwas.

Doch während des rund 90-minütigen Auftritts macht Mister Kilmister eine erstaunliche Wandlung durch. Es wirkt, als weckten Bühnennebel, Lichtshow, Gegröle und Jubel der Fans die verbliebenen Lebensgeister des 70-Jährigen. Mit "When the sky comes looking for you" spielen Motörhead die Live-Premiere eines Songs vom neuen Album "Bad Magic", ansonsten bleiben sie ihrem Konzept des Best-of-Programms treu. Ein Höhepunkt ist allerdings der ebenfalls relativ junge Song "Lost Woman Blues": In einem klassischen Bluesrock-Lamento über das Verlassenwerden findet Lemmy zu alter Stärke. Der Song scheint bei ihm kathartische Wirkung zu zeigen: "I think I'm going crazy / Just about to lose my mind", jault er zu Anfang noch ein wenig zahnlos neben dem Takt. Doch wenn das Tempo im Finale des Songs anzieht, dann erwacht auch sein Sänger zu alter Stärke und schreit: "A bad situation ain't gonna bring me down!"

Nicht beim überbordenden Schlagzeug-Solo von "Doctor Rock", sondern beim simplen Riff des Über-Hits "Ace of Spades", der Hardrock und Punk vereint, kommt die Erkenntnis: Die Faszination dieser Band strahlt zu hundert Prozent aus ihrem Sänger und seinem ruppigen, gurgelnden, bellenden Ton. Er steht für die alten Tugenden des Rock'n'Roll, für Unangepasstheit und Rebellion, für Schonungslosigkeit im Umgang mit dem eigenen Körper und für den unbedingten Willen zu rocken. Das Alter ist eine große Herausforderung für so einen Typen - und Lemmy könnte sie nicht besser annehmen. Er bleibt sich selber treu und so lange auf der Bühne stehen, wie er kann. Wenn seine Stimme versagt und der Bass aufhört zu wummern, wird eine große Lücke klaffen.

Quelle: RP
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